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Vortrag bei der Frauengemeinschaft St. Paul am 12. April 2011

Ausgerechnet heute, wo ich bei Ihnen einen Vortrag zum Glück halten will, erhalte ich am Morgen, als ich meinen Computer angemacht habe, meinen morgendlichen Impuls, den sogenannten Spiritletter mit einem Text zum Glück.
Dort heißt es:

"Der Mensch liebt es, nur sein Unglück zu beachten, sein Glück aber zu übersehen. Würde er aber richtig sehen, so würde er erkennen, dass ihm beides beschert ist."

So hat es der russische Dichter Dostojewskij beschrieben. Viel wird vom Glück geredet und vor allem von der Suche danach. Es ist vielleicht ein ungewöhnliches Thema für die Fastenzeit, wo es eigentlich um Leid geht, um die Erinnerung an Jesu Tod am Kreuz, sich da mit Glück zu beschäftigen. Was hat Glaube überhaupt mit Glück zu tun? Warum dieses Thema im kirchlichen Dunstkreis? Sehen wir, ob wir diese Fragen im Verlauf des Vortrags beantworten können.
Mittlerweile hat die Willy-Helpach-Schule in Heidelberg das Fach Glück eingeführt. Können wir wirklich lernen, glücklich zu sein? Ich habe das Gefühl, die Suche nach Glück hat momentan Hochkonjunktur. Das Buch "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" wurde zum Bestseller, gehört mittlerweile teilweise zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht der Oberstufe. Aber ich will nicht den literarischen Blick auf das Thema lenken, Sie haben sich ja im vergangenen Jahr mit Annemarie Lebert von diesem Aspekt her schon mit Glück auseinandergesetzt. Als ich jung war haben uns Bücher wie die Möwe Jonathan oder der kleine Prinz auf unserer Glückssuche inspiriert. Wunderschön ist auch der Ansatz vom Gegenteil her, der Psychologe Paul Watzlawick hat in den 80 ger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Buch "Anleitung zum Unglücklichsein" geschrieben, wo er uns frei nach Dostojewskis Erkenntnis: "Alles ist gut... Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles ! Wer das erkennt, der wir gleich glücklich sein, sofort, im selben Augenblick..." unsere eigene Schwierigkeit mit dem Thema Glück vor Augen führt. Ständig tappen wir in Fallen, um uns selbst klar zu machen, dass wir unmöglich glücklich sein können. Die berühmte Geschichte mit dem Hammer wurde ja letztes Jahr bei der Lesung zum Glück von unserem Pfarrer vorgetragen. Es gibt viele Ratgeber, die uns zu unserem Glück anleiten wollen, aber dieser, der uns unsere Neigung zum Unglücklichsein vor Augen führt, macht uns auf humorvolle Weise klar, wie sehr wir uns selbst dabei ständig im Weg stehen.

Ich würde jedoch gerne in die Bibel schauen, in der wir das Wort Glück sehr häufig finden, es hat in den Konkordanzen eine eigene Kategorie. Wir wollen uns von diesem Zugang her dem Thema zu nähern.
Im Lesungstext vom 10 März 2011, dem Tag nach Aschermittwoch aus dem Buch Deuteronomium 30,15-20 heißt es: "Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben" Glück ist also durch das Halten von Gottes Geboten im alten Testament garantiert, so die Aussage hier. Aber schon im Alten Testament erkannten die Menschen, dass es so einfach nicht ist. Das Buch Kohelet ist voll von solchen Spuren. Da ist einer auf der Suche nach dem Glück. Er schreibt über den Tun-Ergehen-Zusammenhang. Warum kann ein böser Mensch ein glückendes gelingendes Leben erfahren, während der Gerechte Schicksalsschläge ertragen muss? Diese Frage kennen wir schon von Ijob. Kohelet zeigt sich ratlos. Er erkennt, dass der Mensch sich in scheinbares Glück flüchtigt, dieses aber keine wirkliche Befriedigung darstellt. Das Leben endet mit dem Tod und alles, was davor kommt, ist Windhauch. Der Tod trifft jedoch jeden, Reiche und Arme, Glückliche und Traurige, am Ende ist also alles gleich, scheinbare Gerechtigkeit, denn damals gab es im Judentum noch keinen Glauben an die Auferstehung und vor dem Hintergrund des scheinbaren Endes, nach dem alles aus ist, war der Verfasser sehr fatalistisch veranlagt. Dort lesen wir: "Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne daß der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte. Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich, und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt, wobei zugleich immer, wenn ein Mensch ißt und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennenlernt, das ein Geschenk Gottes ist. Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden, und Gott hat bewirkt, daß die Menschen ihn fürchten." (Koh 3,11-14) Die Frage nach dem Glück beschäftigte die Menschen also schon im 3. Jahrhundert vor Christus, als dieser Text verfasst wurde, auch schon früher, der Abschnitt aus Deutoronomium ist noch älter und sie beschäftigt uns bis heute weiter. Gehen wir aber zunächst in der Bibel weiter vorwärts.

Ich würde den Text der Seligpreisungen gerne so buchstabiere, dass wir selig durch glücklich ersetzen und fragen, was das heißt. Glücklich die Armen? Glücklich, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Klingt irgendwie falsch. Aber Jesus meint, jemand kann glücklich werden, wenn er etwas vom Geist Gottes erkannt hat, denn Leben ist nur durch Barmherzigkeit und Zuwendung zum anderen möglich. Wem die anderen egal sind, der kann eigentlich nicht glücklich werden. Und, wir alle können nicht alleine leben, wir brauchen andere, die uns helfen, die uns Zuwendung geben, genauso wie wir es auch anderen geben sollten. Daher sind die glücklich, die arm sind, denen Dinge fehlen, die sich ihren Mangels bewusst sind und nicht meinen als Selfmademan alles selbst zu können. Sie können vielleicht auch Hilfe von anderen annehmen. Und damit sind wir vielleicht doch bei Themen der Fastenzeit angekommen. Unsere Vorstellung vom vollkommenen Glück mag sich erst im Paradies, also im ewigen Leben verwirklichen, aber Jesus sagt ganz klar, gelingendes und damit glückliches Leben nach Gottes Plan ist nur durch Barmherzigkeit und Zuwendung zum Mitmenschen möglich. Wenn wir also Jesus nachfolgen und die Worte der Bergpredigt beherzigen, können wir ein glücklicheres Leben führen. Jesus hat vielen Menschen, die in ihre eigene Lebensgeschichte verstrickt waren, neue Perspektiven eröffnet, denken wir nur an die Gleichnisse vom verlorenen Sohn oder von der Ehebrecherin. Außerdem war er barmherzig im Umgang mit den Lebensgeschichten anderer Menschen, hat sich ihnen zugewendet. Ich denke, die Menschen konnten seine Zuwendung als Glück empfinden.
Wir spüren seine Zuwendung sicher nicht ganz so unmittelbar wie die, denen er damals konkret half, aber oft haben wir doch auch das Gefühl, da ist jemand an unserer Seite. Das kann uns sicher bei unserer Lebensgestaltung, unserem Gefühl für Glück auch hilfreich sein. Jesus ist also in diesem Sinne ein Glücksbringer.

Wenn wir das Sprichwort "Jeder ist seines Glückes Schmied" hören, denken wir oft, es gibt Menschen, die sind in eine Umgebung hineingeboren, die es schwer macht, ein erfülltes Leben zu führen. Das ist richtig, aber ich habe Menschen kennengelernt, die von daher eigentlich scheitern müssten, die aber ihr Leben in die Hand genommen haben, die etwas daraus gemacht haben, obwohl die Umstände schlecht waren und ich kenne umgekehrt Menschen, bei denen ich denke, die haben alles, was sie brauchen, sind aber ständig unglücklich.

Wann sind wir wirklich glücklich? Ich habe mir auch schon oft überlegt, können wir Glück eigentlich nur empfinden, wenn wir auch wissen, wie sich Trauer, wie sich Leid anfühlt? Können wir erst danach fühlen, wie sich Glück anfühlt? Albert Schweitzer stellte fest, nur durch Leiderfahrung können wir erfassen, was Glück wirklich bedeutet. Das hat dann wieder viel mit Jesus am Kreuz zu tun. Führt die Erfahrung von tiefstem Leid nicht oft dazu, dass wir, wenn es uns wieder besser geht, tatsächlich ermessen können, wie sich Glück anfühlt? Nach einer überstandenen schweren Krankheit, einer schweren Krise, großen Sorgen um die Kinder? Wenn es dann besser ist, ist das Gefühl, es geht mir gut, so groß, dass es meinen Körper ganz umfasst. Aber, wenn dieser Zeitraum des Leids lange vorbei ist, vergessen wir ihn auch wieder, er wird zumindest in den Hintergrund gedrängt und es besteht die Gefahr, dass wir wegen Kleinigkeiten unglücklich sind, mäkeln, nörgeln und an allem etwas auszusetzen haben. Der Zustand der Glückserfahrung bleibt nicht von Dauer.

Mit den Jugendlichen habe ich in der Firmvorbereitung letztes Mal auch das Thema Glück behandelt, Sie suchen auch ihr Glück, z.T. auf vernünftigen Wegen, z.T. meinen sie Alkohol, Drogen, Shoppingtripps und Flucht vor dem Alltag seien dazu geeignet, daher wollten wir sie gerne zu einer sinnvollen Glückssuche anleiten. In dem Jugendmagazin einer christlichen Zeitschrift kam ein Interview mit jemandem, der an einer Castingshow teilnahm. Ich denke, auch das ist neben Drogen und Komasaufen für viele so ein Weg, bei dem sie glauben, glücklich werden zu können. Glück durch Erfolg, Reichtum, Berühmtheit? Am Ende sagt dieser Markus, der Autor eines Buches über Sex Drugs und Castingshows: "Glaube nichts, was dir über die Glitzer- und Glamourwelt vor den Kameras und auf den roten Teppichen vorgegaukelt wird. Es geht nur darum, dass andere mit dir Geld verdienen wollen, mehr nicht. Stell dich lieber dem Leben und mach deine Sache gut, dann wirst du auch glücklich sein".

Ich glaube, dass ist es, was Jesus von uns verlangt, sich dem Leben zu stellen. Das bedeutet aber auch, dass Leiden, Schmerzen, Scheitern, Misserfolg, schlechte Noten, Trennungen, unglückliche Liebe genauso dazu gehören wie Glücksmomente. Das bedeutet, nicht in einen Rausch zu fliehen, wenn es schwierig wird, das Leben anzuschauen und anzunehmen. Und es bedeutet, dieses Leben auch gemeinsam mit anderen zu leben, die anderen zu achten, ihnen zu helfen. Es ist nicht der einfachere Weg. Aber vielleicht führt er letztendlich tatsächlich zu glücklichen Momenten

Dazu eine kleine Episode, die ich im Konradsblatt fand:
(Konradsblatt Nr. 44 vom 31.10.2010):
Wir haben es schon längst gewusst! Nur glaubte uns das bis jetzt noch niemand, aber jetzt ist der Beweis da. Wissenschaftlich untermauert! Der regelmäßige sonntägliche Kirchgang wirkt sich positiv auf das eigene Glücksempfinden aus. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) veröffentlicht hat. Wir müssen uns also nicht mehr wundern, wenn wir sonntags beschwingt aus dem Gotteshaus treten. Anders übrigens als unsere Nachbarn, die von einem verkaufsoffenen Sonntag zum nächsten pilgern. Denn die Studie besagt auch, dass wer statt Kirchgang sonntags einkaufen geht, sich oftmals unglücklicher fühlt. An was das liegt? Vielleicht daran, dass der regelmäßige Gottesdienstbesucher schon weiß, was ihn erwartet und auch von mäßiger Predigt und vernachlässigbarem Orgelspiel nicht erschreckt wird. Beim Sonntags-Shoppen allerdings, ist meist Enttäuschung vorprogrammiert; Denn alles, was man will, findet man eh nie ...

In der Fastenzeit geht es um Umkehr und Neubesinnung. Von daher kann ich vielleicht überlegen, ob ich auch Ablenkung suche, mich mit scheinbaren Glücksbringern betäube. Jesus führt uns in der Bergpredigt deutlich vor Augen, dass Glück etwas mit Mitmenschlichkeit, Hinwendung zum Nächsten und meiner Einstellung zu anderen Menschen zu tun hat. Vielleicht kann es ja auch eine Neubesinnung sein, seine Einstellung zum Glück zu durchforsten und sich zu fragen, welche Anteile man selbst daran hat, ein geglücktes Leben zu führen. Es kann durchaus eine Anleitung zum Glücklichsein oder -werden bedeuten, manche biblische Stelle oder manchen Text zu lesen und sich die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens neu zu stellen.

Ein kurzes Gebet in diesem Sinne will ich Ihnen mitgeben:
Manchmal
für einen Augenblick
halte ich ein,
mitten im Trubel des Tages,
schließe meine Augen
und meine Ohren
und bin einen Augenblick
glücklich;
Ich bin nicht allein
du bist da, mein Gott!
Mittendrin.

Im Chinarestaurant bekommt man am Ende des Besuchs einen Glückskeks mit einem Sinnspruch. Glückskekse teile ich nicht aus, aber ich habe einige Texte ausgesucht, die Sie als Nachklang zum heutigen Abend zum Nachdenken über Glück anregen sollen und lade Sie ein, sich zu bedienen und diese mitzunehmen.

Ich habe mich in letzter Zeit mit dem Thema schon eine Weile beschäftigt und auch einige Bücher dazu gelesen. Neben den literarischen Werken wie der erwähnte Hector habe ich auch einige theologische gelesen und will hier nur 2 nennen:
Die frühere Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hat ein Büchlein mit dem Titel "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" - Die Bergpredigt lesen geschrieben, das 40 Tage mit der Bergpredigt durch die Fastenzeit führt und sie ist überzeugt, dass damit ein Lebensweg mit Glück, Erfüllung und Gewissheit zu finden ist.
Daneben gibt es ein wichtige Werk für die Theologie: Jörg Lauster Gott und das Glück, Das Schicksal des guten Lebens im Christentum. Auch er findet Antworten nicht nur im Paradies.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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