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Predigt gehalten am 6. März 2011 am Fasnachtssonntag um 9 Uhr in St. Peter

Lesung: Röm 3, 21-25a.28

Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten:
die Gerechtigkeit Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied:
Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.
Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.
Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. So erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit seiner Geduld, begangen wurden;
Denn wir sind der Überzeugung, daß der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.

Es ist Nikolausabend, der Nikolaus kommt in eine Familie. Er will ein wenig pädagogisch auf die Kinder einwirken, bevor er seine Gaben auspackt und fragt die kleinere Tochter, die knapp 3 ½ Jahre alt ist und seit einigen Monaten im Kindergarten, ob sie ihm nicht ihren Schnuller in den Nikolaussack geben mag. Das Kind überlegt einen kurzen Moment, dann fragt es: "und wenn ich das nicht tue, bekomme ich dann trotzdem den Schokoladennikolaus, den Du da hinter dem Rücken versteckt hast?" Alle müssen lachen und die Mutter ist sehr erleichtert, dass ihr Mädchen so unverkrampft und fröhlich mit dem Nikolaus handelt, denn sie denkt an ihre eigene Kindheit zurück, in der der Nikolaus begleitet von Knecht Ruprecht mit Rute in die Häuser kam und ein Buch bei sich trug, in dem gute und schlechte Taten verzeichnet waren. Bei schlechten Taten wurde zumindest ein Schlag mit der Rute angedroht, so dass der Moment, als der Nikolaus sein Buch auspackte, mit viel Angst besetzt war. Sicherlich noch Reste schwarzer Pädagogik wie sie im 19. und anfänglichen 20. Jahrhundert gängige Erziehungsmethoden waren und momentan von einigen Wissenschaftlern und Eltern wieder als Allheilmittel für die Erziehung von erfolgreichen Nachkommen propagiert wird.

Liebe Gemeinde,
keine Angst, ich habe nicht die Zeiten verwechselt! Natürlich weiß ich, dass heute der 6. März und nicht der 6. Dezember ist. Warum ich trotzdem an diese Begebenheit denken musste, als ich den Abschnitt aus dem Römerbrief aufschlug?
Wenn wir dort lesen: "Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren... Kann man sich da noch rühmen? Das ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke?" dann denke ich daran, dass früher den Menschen eingetrichtert wurde, dass auch ihre Werke, ihre Sünden bei Gott wie in einem Buch verzeichnet sind. Es war nicht nur der Nikolaus mit seinem Knecht Ruprecht, es war auch der Teufel, die Hölle, von allen Seiten umgaben uns Drohbotschaften, in denen es darum ging, dass alle Missetaten gesehen und registriert  werden, damit der Mensch nur ja aus Angst nicht sündigt und versucht, ein gutes Leben zu führen. Viele Menschen hatten große Angst davor, vor ihren Richter zu treten, der wie ein Buchhalter alle guten und schlechten Taten aufgelistet hat.

Auch Martin Luther war gerade in einer Zeit groß geworden, in der die Menschen versuchten, sich mit Ablasshandel einen Platz im Himmel zu ergattern, weil sie Furcht davor hatten, kein ewiges Leben verdient zu haben. Er war in dem Glauben erzogen worden, Gott deshalb fürchten zu müssen, so war es Bestandteil seiner theologischen Ausbildung. Für ihn war da der Römerbrief ein Schlüsselerlebnis. Wichtig ist dabei das Wort Gerechtigkeit nicht griechisch zu verstehen, eben als Begriff für ein Verhalten im zwischenmenschlichen und gesellschaftlich-politschen Kontext, wo jeder das Seine zum Wohl der Gemeinschaft tut. So hat Martin Luther den Begriff anfänglich auch verstanden, aber als ihm klar wurde, dass es dabei um die schenkende Gerechtigkeit Gottes geht, hat Paulus ihm eine ganz neue Wirklichkeit Gottes eröffnet. Mit dikauosyne wird das Wort sedaka wiedergegeben. Dort geht es nicht darum, einer bestimmten Norm entsprechend zu handeln, sondern darum, dass einen die Gerechtigkeit Gottes wie ein Kraftfeld umgibt. Paulus macht uns klar, wenn Gott auf unsere Werke schauen würde, würde er bei jedem sündhaftes Verhalten finden, dass alle guten Taten und Werke aufwiegt, eine Sünde würde schon reichen. Aber Gott hat uns im Römerbrief durch Paulus zugesichert, dass die Menschen "Ohne es verdient zu haben, gerecht werden, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus." Es geht nicht um unser Verdienst, es geht um die Gnade Gottes! Und dieser Römerbrief existierte auch bereits im Mittelalter, die Aussage von Gottes Gnade war in der Bibel immer schon zu lesen, für die, die die Bibel lesen konnten und durften.

Zum Glück bin ich in einer Zeit groß geworden, in der auch Katholiken schon die Bibel lesen durften. So war für mich bereits sehr früh die Botschaft des Römerbriefs frohe Botschaft, denn die Gewissheit: "Denn wir sind der Überzeugung, daß der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes." gibt mir eine große Freiheit. Jede einzelne Übertretung des Gesetzes macht uns zu Sündern, kein Mensch hält die Gesetze, so wie gefordert, daher können wir nur auf die Gnade Gottes hoffen, durch die uns Gerechtigkeit widerfährt. Ich weiß, Gott vergibt mir und nimmt mich an, so wie ich bin, ich darf auf seine Gnade vertrauen.

Diese Aussage macht mich frei! Und damit passt sie - wie ich finde - hervorragend zum heutigen Tag, zum Fasnachtssonntag. Ein Glaube, bei dem ich auf die Gnade Gottes vertrauen darf, macht mich frei, frei von Angst. Damit kann ich als Christ Freude verbreiten, kann mit dieser frohmachenden Botschaft auch selbst ein fröhlicher Mensch sein. Ich kann angesteckt durch eine innere Fröhlichkeit feiern und mit anderen Menschen auch ausgelassen und fröhlich sein, denn mein Glaube gibt mir eine unglaubliche Freiheit. Dabei geht es nicht um aufgesetzte, gespielte Fröhlichkeit, sondern es geht darum, dass ein Mensch, der nicht mit Angst großgezogen wird, sondern mit der Zusage, seinen Eltern und Gott vertrauen zu dürfen, sicherlich einfacher auch fröhlich sein kann. Dabei wird das Wissen um Probleme, Leid und Katastrophen im Großen und Kleinen nicht ausgeklammert, es ist nur vielleicht so, dass die leichter zu bewältigen sind, wenn man weiß, da ist einer, der dabei zu mir hält und zwar als gütiger, gnädiger Gott. Hoffen wir, dass heute Kinder nicht mehr mit einem Gott erzogen werden, der straft, der alle bösen Taten sieht und auflistet und uns dafür am Ende zur Rechenschaft zieht, sondern mit der Gewissheit, dass Gottes Gnade und Gerechtigkeit uns wie ein Kraftfeld umgeben. Leider lassen die Talkshows der vergangenen Wochen erahnen, dass es Menschen gibt, die wieder auf die Idee kommen mit der Androhung harter Strafen erfolgreiche Sprösslinge heranziehen zu wollen. Ich halte mich da lieber an Gott und das Wissen um die Liebe und Gnade, das Wissen um Vergebung und Angenommensein, denn das macht uns sicher zu freieren und fröhlicheren und damit starken Menschen Um eine solche frohe Botschaft weitergeben zu können, müssen wir sie jedoch auch selber glauben, müssen wir diese Zusage vom gnädigen Gott annehmen. Dann können wir uns auch ausgelassen ins Getümmel der Fasnacht stürzen, weil wir wissen, von Gott geht wirklich eine frohe, frohmachende Botschaft aus. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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