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Predigt am Fest der Heiligen Familie, am 27. Dezember 2009 in St. Anton

Lesung: Kol 3, 12-21

Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!
Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.

Lk 2, 41-52

Der zwölfjährige Jesus im Tempel: 
Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.  Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne daß seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich die heutige Lesung höre, erinnere ich mich daran, dass wir in den 70ger Jahren das Lied "Sind so kleine Hände" von Bettina Wegener geschmettert haben. Darin heißt es: "Sind so kleine Hände winzige Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann." Nach der 68ger Bewegung begann die antiautoritäre Erziehung mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Aber eines, was zu der Zeit thematisiert und sanktioniert wurde, ist ein wichtiges Recht für Kinder in Deutschland! Kinder als Mittel der Erziehung zu schlagen, ist bei uns in weiten Teilen der Bevölkerung verpönt. Wir müssen jedoch darauf achten, dass dieses wichtige Recht auch erhalten bleibt. Anders als in Deutschland und den meisten anderen europäischen Staaten ist die körperliche Züchtigung von Kindern in Frankreich nicht verboten. Sarkozys Regierung plant kein derartiges Gesetz zum Schutz Minderjähriger, und ignoriert damit eine Forderung des Europarates. Öffentlichen Druck gibt es nicht. Psychologen und Pädagogen warnen davor, so ging es in letzter Zeit bei uns durch die Presse, dass gerade durch das, was wir, was auch ich, am französischen Modell der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schätze, nämlich Ganztagsunterricht, viele Franzosen so unter Druck geraten sind, dass sie einfach vor lauter Überforderung zuschlagen. Diese Gefahr könnte bei uns auch bestehen. Immer mehr Hektik und Zeitnot machen Erziehung oft schwer. Denn zu einer guten Erziehung gehört es, sich Zeit zu nehmen zum Zuhören, zum Gespräche führen. Jedes Nein den Kindern gegenüber bedeutet auch Kraft, es durchzuhalten. Jede Aufgabe, die man einfordert, hätte man schneller selbst erledigt. Davon können alle Eltern ein Lied singen. Wenn wir da aber durchhalten mit der Forderung, ich will, dass Du den Müll jetzt runterbringst, dass Du jetzt die Spülmaschine ausräumst, bei Dir im Zimmer staubwischt, bedeutet das Kraft und Zeit zu investieren. Gerade Zeit ist aber heute Mangelware.

Wenn wir am heutigen Tag das Fest der Heiligen Familie feiern, soll es nicht um süßliche Bilder von Maria und Josef im Stall gehen, es geht um die Erinnerung daran, wie wir heute miteinander umgehen. Paulus ermahnt uns im Kolosserbrief, dass die Familie ein Verbund ist, in dem es gegenseitige Verpflichtungen gibt. Die Eltern haben die Verantwortung für ihre Kinder, sie sollen sie mit Liebe und Achtung aufziehen, sie nicht zerbrechen sondern stärken. Kinder haben aber ihre Eltern auch mit Respekt zu behandeln. Und, wenn die Eltern alt werden, haben die Kinder die Verantwortung. Im Buch Jesus Sirach, das heute auch als möglicher Lesungstext vorgeschlagen ist, lautet ein wichtiger Satz: "Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an, und betrübe ihn nicht, solange er lebt". Dieser Satz gilt natürlich auch für Mütter und Töchter. Wir alle sind zu gegenseitiger Achtung und Liebe verpflichtet. Dazu gehört es auch, sich gegenseitig zu ertragen, auch das führt uns Paulus eindrücklich vor Augen: "Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat". Die hier aufgestellten Ermahnungen und Regeln können heute noch jeder Familie zu einem sinnvollen Miteinander verhelfen. Es geht eben nicht um "Heilige Familien". Diese sind oft eher als heeres Bild abschreckend, sie sind weniger Vorbild, als Messlatte, die einzuhalten uns ohnehin nicht gelingt. Diese landläufige Meinung von "Heiliger Familie" meinen die Texte des heutigen Tages nicht, meint das Fest der Heiligen Familie nicht. Das wird auch am Evangelium deutlich, das uns gewissermaßen das einzige biblische Ereignisse mit dem pubertierenden Jesus übermittelt. Jesus bleibt einfach im Tempel, seine Eltern machen sich Sorgen, suchen ihn überall. Eine Situation, die wir alle kennen, wenn Kinder beginnen, sich abzunabeln und eigene Wege zu gehen. Der Satz: "Kind, wie konntest Du uns das antun?" ist ein Satz, der von Eltern halbwüchsiger Kinder öfter zu hören ist und er führt uns deutlich vor Augen, dass auch die Bibel vor Schwierigkeiten in der Erziehung die Augen nicht verschließt.

Es geht darum, dass wir alle uns mit unseren Fehlern und Problemen aushalten müssen. Das bedeutet Familie, es bedeutet, das Band der Liebe, das eine Familie zusammenhält, nicht zu zerreißen und bei allem, was wir tun, auch daran zu denken, dass wir es im Auftrag Jesu tun. Wir sind daher verpflichtet, in seiner Nachfolge auch als Familie gut und liebevoll miteinander umzugehen, auch wenn es Höhen und Tiefen in jeder Familiengeschichte gibt.

Außerdem sind wir verpflichtet, nicht wegzuschauen, wenn wir erleben, dass Kindern und Frauen Gewalt widerfährt. Leider haben unsere Behörden oft immer noch nicht die Handhabe, die sie bräuchten, wenn Misshandlungen offensichtlich werden. Wir stehen oft machtlos da. Aber wir müssen dennoch anklagen, Missbrauch melden und auf jeden Fall immer klar haben, dass häusliche Gewalt nicht verniedlicht werden darf, so nach dem Motto, es kann jedem Mal die Hand ausrutschen. Nein, es geht darum, einander immer in Liebe zu begegnen und das bedeutet auch auf gleicher Augenhöhe. Schläge und Gewalt dürfen da nie ein Mittel sein. Auch bei Überforderung und in stressigen Zeiten müssen sich diejenigen, die die Last der Verantwortung tragen, immer dessen bewusst sein, dass die Gefahr besteht, Macht zu missbrauchen. Selbst wenn Eltern die Erziehung für ihre Kinder haben, selbst wenn Eltern alt werden und vielleicht durch Krankheit nicht mehr in der Lage sind, für sich alleine zu entscheiden, es geht immer darum, dass dann die oder der Verantwortliche, Betreuende, nicht von oben herab handeln darf, seine Funktion nicht missbrauchen darf sondern mit Liebe und Respekt vor den anderen Familienmitgliedern Entscheidungen trifft, Handlungen einfordert und dafür sorgt, dass ein Miteinander in der Familie möglich ist, sowie Aufgaben so verteilt werden, dass keiner überfordert wird.

Paulus macht uns sehr deutlich, dass Familienbande ein Netz sind, dass für alle geknüpft wurde, so dass wir uns alle verpflichtet fühlen müssen, mit zu weben, damit es nicht reißt. Dies macht uns das heutige Fest der Familie deutlich, es erinnert uns an unsere Verantwortung in der Familie, in der Ursprungsfamilie, in unserer heutigen Familie, als Kinder, Eltern, Großeltern, ja vielleicht gar Urgroßeltern. Es geht nicht darum, heute noch rührselig auf ein weihnachtliches Bild einer heiligen Familie zu schauen, sondern vom Vorbild der Liebe Jesu her, miteinander an einem Modell zu bauen, in dem Familie tatsächlich die Keimzelle ist, in der Menschen aufgrund von Liebe und Geborgenheit lernen können, wie Leben und Glauben funktionieren. Und, wo Menschen auch jenes Vertrauen aufbauen können, das ein ganzes Leben lang trägt, Vertrauen in Gott und Menschen. Dies ist eine große Aufgabe und eine große Verantwortung. Lassen wir uns von Paulus dazu ermahnen, sie wahrzunehmen. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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