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Predigt gehalten in St. Peter und St. Paul am 18. Mai 2008, Dreifaltigkeitssonntag

Tagestexte vom 18.05.08

1. Lesung: Ex 34, 4b.5.-6.8-9
Am Morgen stand Mose zeitig auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der Herr aufgetragen hatte. Der Herr aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen Jahwe aus. Der Herr ging an ihm vorüber und rief: Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden. Er sagte: Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch mein Herr mit uns. Es ist zwar ein störrisches Volk, doch vergib uns unsere Schuld und Sünde, und laß uns dein Eigentum sein!

Evangelium: Joh 3, 16-18
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

In den Weihnachtsferien war ich in der Grünewaldausstellung in Karlsruhe. 160 Bilder, die Leiden und Passion darstellen! Nach dem Besuch der Ausstellung hatte ich das Gefühl, ich brauche das pralle Leben um mich herum. Es war der 28. Dezember und in der Stadt schoben sich Menschenmassen durch die Geschäfte, um Weihnachtsgeschenke umzutauschen oder das erhaltene Geld gleich wieder auszugeben. Und obwohl ich sonst solche Tage nicht mag, an denen sich alle in der Stadt tummeln, es tat gut, in dieser Menschenmasse zu treiben, gemeinsam mit meiner Mutter habe ich mich in ein Café gesetzt, habe geshoppt und das Leben gespürt.

Dennoch bin ich einige Wochen später wieder in die Ausstellung gegangen, habe sogar noch die Ausstellungen in Colmar und Berlin besucht. Warum? Einer der Aspekte, der mich bei Grünewald am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass Jesus am Kreuz ein "richtig" toter Mensch ist, keiner, der noch kraftvoll und siegesgewiß aussieht, vor allem keiner, der als göttlicher Überwinder des Todes wirkt, sondern einer, dem man Leiden und Sterben abnimmt. Meister Mathis hat richtig Tote gemalt, seine Modelle waren Pestkranke, Mutterkornerkrankte, entstellte Menschen. Die Schönheit seiner Bilder liegt nicht in der anmutigen Schönheit der abgebildeten Menschen.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit haben die Menschen geglaubt, wenn sie das Leiden besonders grausam darstellen und sich an dieser Passion ausrichten, dann kann ihnen auch ein Teil ihres riesengroßen Berges von Sünden erlassen werden. Dies steht im Gegensatz zu dem, was uns im heutigen Evangelium zugesagt wird, wenn es dort heißt, er kam nicht, um die Welt zu richten. Hier wird der Blick vom Gericht auf die Menschlichkeit gelenkt.

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab. Sein Sohn wurde Mensch und zwar so sehr, dass er sich sogar in Leiden und Tod mit uns Menschen solidarisierte. Im Philipperhymnus heißt es: "... er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz."

Das ist für mich die sympathischte Seite des Christentums, dass Gott Mensch wurde und zwar bis zum bitteren Ende eines qualvollen Sterbens. Das hat keine Religion mit uns gemeinsam. Gott hat sich auf die Stufe der Menschen gestellt, ohne seine Allmacht zu verlieren.

In der Lesung hören wir, dass Moses sich auf den Boden wirft, als Jahwe vorübergeht. Er fürchtet sich vor der Allmacht Gottes und obwohl er die Zusage bekommt, "Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue", macht er sich klein vor diesem Gott.

In Jesus hat sich dieser Gott aber vor uns klein gemacht, sich auf unsere Stufe gestellt. Die Menschwerdung Gottes, seine Hingabe im Leiden und Sterben hilft uns Menschen, denn wir wissen, dass dieser Gott unsere schwierigsten Zeiten verstehen kann!

Dieser Jesus hatte grausame Schmerzen und Todesangst, dies wissen wir, wenn wir daran denken, dass er den Beginn von Psalm 22 gebetet, ja hinausgerufen hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

In einem Gedicht von Rudolf Otto Wiemer heißt es:

Keins seiner Worte
glaubte ich, hätte er nicht geschrien:

Gott,
warum hast du mich verlassen.

Das ist mein Wort,
das Wort des untersten Menschen.

Und weil er selber
so weit unten war,
ein Mensch, der "Warum" schreit
und schreit "Verlassen",
deshalb könnte man auch die andern Worte,
die von weiter oben,
vielleicht
ihm glauben.

Es gab Menschen, die nach dem Besuch der Karlsruher Ausstellung sagten, es sei ihnen zuviel des Leidens gewesen. Das Christentum habe einen Hang dazu, das Leiden des Menschen herauszustellen. Ist das so? Habe ich einen Hang zum Leiden? Nein, ich glaube nicht. Ich habe mich ja nach den vielen Bildern des Leides auch nach Ablenkung gesehnt. Mir ging es ja nicht viel anders, als denen, die kritisiert haben, dass die Ausstellung die leidbetonte Seite des Christentums überdimensional in den Blick genommen hat. Wie oft höre ich in meiner seelsorgerlichen Arbeit allerdings die Klage, dass wir es kaum aushalten, wenn wir uns Menschen gegenüber sehen, die in Trauer sind, die krank sind, die mit ihren Sorgen einfach nicht mehr fertig werden. Opfer erfahren oft, dass sie alleine gelassen werden, dass diese Dinge nicht gehört werden wollen, weil wir sie nicht ertragen. Wir wenden uns dann schnell ab und geben uns dem Vergnügen hin, wenn uns die Schwere der Last, die andere tragen, erdrückt und wir es nicht schaffen, die Last zu erleichtern, ein wenig davon auf unsere Schultern zu nehmen, in dem wir zuhören und mitleiden.

Wie wichtig ist es da gerade, dass Gott sich nicht abwendet. Dass er das Leiden aushält, das Leiden der Menschen, dass er nicht wegschaut sondern sich auf deren Stufe begibt. Er trägt die Last mit, er stellt sich durch seine Hingabe neben die leidenden Menschen. Und dies kann nicht oft genug betont werden. Selbst wenn jetzt Pfingsten schon rum ist und wir mehr als sieben Wochen von der Passion Christi entfernt sind und die ganze Zeit Halleluja gesungen haben, diesen Jesus, der Mensch wurde und damit sterblich, dürfen wir nie aus dem Blick verlieren.

Und ich glaube einem Gott eher, der "warum" schreit und weit unten ist, so einem kann ich auch die Worte von oben glauben, diese Theologie setzt unten an, sie schwebt nicht über meinem Kopf sondern ich weiß, wenn Gott seinen Sohn hingibt und ihn dem Leiden ausliefert und dieser Sohn "warum?" schreit, dann darf ich das auch. Dann darf ich auch schreien, verzweifeln und nach Gründen für mein Schicksal fragen. Dann darf ich dann, wenn ich ganz unten bin, zu diesem Jesus rufen. Dann ist er einer, der mich versteht.

Gott kann den Menschen nicht näher sein, als dadurch. Gott zeigt, dass er die Menschen liebt, weil er bei denen ganz unten ist, ein Gott des Mitleidens, der compassio, was eben Mit-leiden bedeutet. Kein billiges Mitleid, aber ein Leiden mit denen, die ganz unten sind, eine Nähe zu den Menschen, auch dann, wenn andere sich abwenden. Dann ist Gott im Sohn einer, der sich hingibt, einer der sich solidarisiert. Einer, der seine Liebe zu den Menschen zeigt.

Wenn heute, am Dreifaltigkeitssonntag, dieses Jahr der Aspekt des Sohnes im Evangelium besonders herausgestellt wird, der Aspekt der Menschwerdung, der Aspekt, dass dieses Leben Jesu auch seinen Tod beinhaltet und wir dadurch Erlösung erfahren, dann ist das für mich auch der Aspekt der Trinität, der mir am nächsten ist. Ja, einem solchen Gott kann ich glauben - und, wenn ich durch den Glauben an diesen Gott erlöst werde, dann kann ich mir dies vorstellen. Ich weiß nicht, was mein Menschsein wäre, ohne den mitleidenden Gott, ohne einen Gott, der Mensch wird, um sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, ohne einen Jesus, der in den dunkelsten Stunden bei mir war und hoffentlich sein wird. Einem solchen Gott kann ich zumindest glauben. Amen.

Lieder:

Eingangslied: GL 640
Gloria: GL 268, Str 1+3
Antwortgesang: GL 298, Str 1+5
Gabenbereitung: GL 490
Sanctus: GL 491
Agnus: GL 492
Schlußlied: GL 249

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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