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Predigt gehalten in St. Peter am 4. Adventssonntag, Vorabendmesse am 23. Dezember 2006

1. Lesung Mi 5, 1-4a

Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. Darum gibt der Herr sie preis, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren zu den Söhnen Israels. Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.

2. Lesung Hebr 10, 5-10

Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme - so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott, zu tun. Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden; dann aber hat er gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen zu tun. So hebt Christus das erste auf, um das zweite in Kraft zu setzen. Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt.

Evangelium  Joh 17, 6a.11b-19

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Liebe Gemeinde,

wenn eine Mutter ein Kind erwartet, so fragt sie sich, was wird aus ihm werden, wenn es einmal groß ist? Ähnliche Gedanken wie jede Mutter werden sich auch Elisabeth und Maria damals gemacht haben.
Zwei Kinder, zwei Söhne, beide Geburten werden vom Engel Gabriel angekündigt, er erscheint dem Vater des Johannes, Zacharias und sagt ihm die Geburt des Sohnes, die aufgrund des Alters der Eltern unmöglich scheint, voraus. Und er sagt: große Freude wird dich erfüllen, und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und andere berauschende Getränke wird er nicht trinken, und schon im Mutterleib wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, bekehren. Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen, um ...das Volk für den Herrn bereit zu machen. Auch Maria wird vom Engel in Nazaret besucht und sie erkennt die Größe der Ereignisse. Was sagt Elisabeth über sie? "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ." und Maria formuliert dies ja auch deutlich mit ihrem Lobpreis, dem Magnificat, in das das heutige Evangelium mündet.

Wenn die Mütter gewusst hätten, was aus ihren Kindern wird, wie hätten sie sich dann bei dieser Begegnung, die sie mit freudiger Erwartung erfüllte, gefühlt? Beide Söhne starben für ihren Glauben, für ihre Überzeugung, Johannes wurde auf Veranlassung der Salome geköpft, Jesus gekreuzigt. Wenn man sich die Vita der beiden mal genau vor Augen ablaufen lässt, läuft es einem kalt den Rücken runter. Vieles, was mit unserem Glauben zu tun hat, ist ganz schön brutal und grausam, wie die Welt eben auch ist.
Die zwei hatten Überzeugungen, sie haben für sie gelebt, sie haben sie gelebt. Sie kamen in einer Zeit des Umbruchs auf die Welt, in einer Zeit, in der im römisch besetzten Palästina eine starke Messiasgläubigkeit, eine starke Endzeitstimmung herrschte.

Im heutigen Lesungstext aus dem Hebräerbrief heißt es, dass Jesus kommt, um das erste Gesetz aufzuheben und das zweite in Kraft zu setzen. Aber das bedeutet nicht, dass alles, was vorher war, keine Gültigkeit mehr hat. Das Judentum war nicht aufgehoben. Die letzten Bücher des alten Testamentes weisen theologisch schon in die christliche Zeit. Es gab im Judentum viele Strömungen und Richtungen, viel mehr, als es das Christentum vermutlich verkraften würde. Eine davon waren eben die asketischen Prediger, die in der Wüste lebten und lehrten, Menschen, die keinen Wein tranken. Ihnen schloss sich Johannes an, ein Eiferer, einer, der eine theologische Richtung besonders stark lebte. Einer, der aber auch wusste, dass da noch einer kommen würde, dem er nur den Weg bereitet. Johannes ist damit gewissermaßen die Schnittstelle zwischen altem und neuem Bund.

Es muss eine irre Zeit gewesen sein. Manchmal denke ich, ich würde gerne mal für ein paar Minuten die Stimmung auf einem Marktplatz im Israel der damaligen Zeit erspüren. In seinem Buch " Ein Mensch namens Jesus", von dem ich ansonsten nicht viel halte, hat Gerard Messadie wie ich finde, die Situation im damaligen Palästina hervorragend widergegeben. Er versucht, die Atmosphäre auf den Plätzen zu skizzieren, wenn da mal wieder irgendwo ein Prediger verkündet, er sei der Messias. Es war eine Zeit, in der eine Endzeitstimmung herrschte, eine Zeit der Revolutionäre, der Propheten, und sicher auch der Scharlatane. Wissenschaftler haben einmal genau nachgezählt: neun Propheten, sieben Rebellen und fünf Erlösergestalten sind alleine in dieser Zeit historisch auszumachen.

Es war eine Zeit, in der Jesus wirklich der Weg und der Boden bereitet war, für seine Botschaft, eine Zeit, in der die Menschen spürten, so kann es nicht weitergehen. Und es ging ja auch nicht weiter, im Jüdischen Krieg 70/71 wurde Jerusaleml von den Römern in Schutt und Asche gelegt, der Anfang des Exodus des Volkes Israel, der bis in die heutige Zeit vor allem in Palästina nachwirkt, wurde begonnen. Es war eine Zeit für Botschaften wie "und siehe, ich mache alles neu", aber die Botschaft stand dennoch nicht im Nichts, sie entstand nicht im Vakuum sondern sie war der Baum, der aus den Wurzeln des Alten Testamentes entspross. Da passt das Weihnachtslied der Rose, die am Strauch der alten Zeit erblüht. Dies wird auch in der alttestamentlichen Lesung des heutigen Tages deutlich: aus Bethlehem wird einer hervorgehen, dessen Ursprung in längst vergangenen Tagen liegt und der herrscht über die Erde. Johannes und Jesus haben den Finger in die Wunden gelegt, haben gesagt, was falsch war am damaligen System, haben die römische Besatzung kritisiert und auch die Glaubensgrößen ihrer Zeit und falsche Auslegungen der Botschaft.

Beide Kinder, Johannes und Jesus kommen aus alten Geschlechtern, Zacharias verkörpert ein altes Priestergeschlecht, Jesus den Stamme Davids, beide werden in der Tradition groß. Beide kommen aus der Tradition, brechen aber auch mit ihr. Das tun Kinder auch heute noch. Auch heute noch wissen Mütter, die ein Kind erwarten, dass es irgendwann Fragen stellt, hinterfragt und aufbegehrt. Und wir wissen es nicht nur, wir wollen es ja auch. Viele von uns wollen doch auch lieber Kinder, die für ihre Gesinnung einstehen können. Wie sagt Reinhard Mey so schön für den Weg seiner zwei Söhne: "Ich werde sie den Ungehorsam lehren, Den Wiederstand und die Unbeugsamkeit. Gegen jeden Befehl aufzubegehren und nicht zu buckeln vor der Obrigkeit. Ich werd sie lehr'n, den eig'nen Weg zu gehen..."

Und genau das haben Jesus und Johannes, diese zwei Söhne auch getan. Darauf können die Mütter, die Eltern stolz sein. Aber was ist, wenn die Kinder das wirklich tun. Was ist mit den Konsequenzen? Niemand von uns hofft natürlich, dass es so endet, wie bei den beiden.

Advent heißt Erwartungen haben, voller Vorfreude sein. So wie eben auch eine Mutter in der Schwangerschaft voller Vorfreude ist - guter Hoffnung ist. Aber die Fragen sind auch schon da, die Ängste, die Sorgen. Unser ganzer Advent ist nicht vorstellbar ohne die Schatten, die die Ereignisse, die in den Schrifttexten beschrieben werden, vorauswerfen. Es gibt keine Krippe ohne Kreuz, keinen Rufer in der Wüste ohne die Bilder, die uns aus der Kunst ja hinlänglich bekannt sind, auf denen Salome das Haupt des Johannes gereicht wird. Und- es gäbe unser Christentum nicht, wenn es nicht so gekommen wäre. Reform und Veränderung waren erst durch Untergang möglich. Die Mütter, die ihre Kinder erwarteten, Elisabeth und Maria ahnten, dass ihnen mit ihren Kindern Großes bevorsteht. Sie ahnten vielleicht auch, dass sie mit ihren Kindern nicht nur glückliche Stunden erleben würden. Sie ahnten, dass Kinder, von denen ihnen die Engel schon vorausgesagt hatten, dass sie unbequem und anders sein würden, ihnen viel Kummer bereiten würden. Sie ahnten, dass sie oft an ihre Grenzen kommen würden. Aber sie hatten wohl auch eine Glaubensgewissheit in sich, dass diese Kinder einen starken Glauben, einen Gott in sich tragen würden und von diesem Gott zu ihrem Auftrag ausersehen waren. Ein Nein der Mütter würde da ohnehin nichts nutzen. Ein Nein der Mütter nutzt meist nichts, wenn Kinder konsequent ihren Weg gehen.

Was tun Mütter? Wenn sie selbst glauben können, dann haben sie schon immer ihre Kinder Gott anvertraut, haben für sie gebetet. Und sie tun dies auch noch heute. Sie geben das Schicksal ihrer Kinder in Gottes Hand, weil sie wissen, sie können ohnehin nichts anderes tun. Vom ersten Tag der Schwangerschaft bis zum Ende tun Mütter dies, tun Eltern dies. Egal, was kommt, egal, was die Kinder einmal tun werden, was ihnen einmal widerfährt. Von dieser Glaubenshoffnung, von der Fähigkeit, Vertrauen zu haben, ist die Begegnung der beiden Frauen geprägt, die heute am Vorabend des Heiligen Abends, so ganz kurz vor Weihnachten, im Mittelpunkt unseres Evangeliums stehen. Davon können wir viel lernen. Auch das hat mit Advent und Weihnachten zu tun, zu wissen, dass einer mit mir geht, der mich und meine Kinder begleitet, der alle Kinder der Welt auf ihrem Weg begleitet, egal wo er endet.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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