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Predigt gehalten in St. Peter und St. Paul am 7. Sonntag der Osterzeit, 27./28. Mai 2006

2. Lesung 1 Joh 4, 11-16

11 Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben14 Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt15 Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott.16a Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen16b Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm

Evangelium  Joh 17, 6a.11b-19

6a Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. 11b Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir12 Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt.13 Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.15 Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.17 Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.18 Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.19 Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.

Bei unserem letzten Glaubensabend, der das Thema "Wir" hatte, habe ich für das Liedblatt ein Bild gewählt, ein Bild das einige von Ihnen gesehen haben, das Bild einer kleinen weißen Feder, die unverkennbar auf den Petersdom in Rom hinabschwebt. Wir haben am Ende Federn als Symbol für unsere Gemeinschaft ausgeteilt. Dieses Bild der Feder hat für mich viel mit den Texten des heutigen Tages zu tun, vor allem, wenn ich daran denke, was der Hintergrund für dieses Bild ist.

"Was liegt dir besonders am Herzen?" wird der Papst in Roland Breitenbachs Buch Eine kleine weiße Feder gefragt, in dem der Pfarrer aus Schweinfurt seine Visionen von Kirche im Jahr 2011 aufschreibt. Und er fährt weiter fort:
"Entschuldigung! Mich beschäftigt seit vielen Jahren ein Bild, das Bild von einer sanften, weißen Feder, die immer dann und nicht nur in meinen Träumen auftaucht, wenn ich vor wichtigen Entscheidungen stehe. Ich habe die Bedeutung dieses Bildes, bisher nur zum Teil entschlüsseln können; es hat mich jedenfalls zu einem besseren Verständnis von Zärtlichkeit gebracht; weniger zu Zärtlichkeiten als zur Zartheit als einer Haltung allem gegenüber, was lebt und was ist. Ich möchte einer Kultur der Liebe' das Wort reden, die durch die Kirche für unsere Welt weiterentwickelt werden muß. Nur zärtliche Menschen können die Welt und die Kirche verwandeln; sie allein haben dazu die Macht, der vielfältigen Gewalt ein Ende zu bereiten."

Soweit das Zitat aus Roland Breitenbachs Buch. Dieses Buch hat als Titelbild dieses eben beschriebenes Bild der kleinen weißen Feder, die über den Vatikan schwebt.

In den letzten Wochen haben wir im Evangelium immer wieder von der Liebe gehört. Heute geht es in der Lesung um die Liebe. Auch unser Papst Benedikt XVI. hat sich in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" mit der Liebe beschäftigt. Sie beginnt mit dem Satz der heutigen Lesung aus dem 1. Brief des Johannes. Diese Enzyklika, in der der Papst den vielfältigen Formen von Liebe, Caritas, Agape, der Liebe zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau auf der Spur ist, hat viel Beachtung gefunden. Darin bezeugt der Papst auch, dass keine Gerechtigkeit ohne Liebe möglich ist. Und das ist das, was in dem Ausspruch aus der kleinen weißen Feder auch gefordert wird, Wandlung, Veränderung, Gerechtigkeit, aber mit der Zartheit der Feder, nicht mit Blut und Tränen.

Wenn wir diese Veränderung aber fordern, Veränderung in Kirche und Welt, Gerechtigkeit, da wo Dinge nicht stimmen, anmahnen, dann sind wir rasch beim heutigen Evangelium. Dort wird gesagt, dass die Jünger Jesu nicht von dieser Welt sind und die Welt sie gehasst hat.

Ist es nicht so, dass wir- na ja nicht gehasst - aber dumm angeschaut werden, wenn wir die Liebe Gottes zu den Menschen, die Liebe untereinander ernst nehmen und wirklich eine Kultur der Liebe anmahnen? Laufen wir dann nicht Gefahr, nicht von dieser Welt zu sein?

Ich denke, wenn wir es damit ernst machen uns in Liebe für andere einzusetzen, dann sind wir unbequem. Viele Beispiele fallen mir ein. Die Solidarität mit Opfern ist eines. Wie oft erlebe ich bei meiner Arbeit mit Frauen, die Missbrauchs- oder Gewaltopfer wurden, dass gesagt wird, wenn Frauen so etwas widerfährt, sind sie auch selber Schuld, sie haben sich aufreizend angezogen, sich provozierend verhalten, schnell sind die Gedanken auf Seiten der Täter. Sich konsequent auf Seiten der Opfer zu stellen, die vielleicht noch dazu unbequem sind, weil sie nicht vergessen können, weil sie immer wieder über ihr Schicksal sprechen und eine Veränderung der Verhältnisse anmahnen, bedeutet manchmal auch, sich gegen den Trend der Welt zu stellen.
Mir ist in letzter Zeit oft aufgefallen, dass ich merkwürdigerweise immer dann das Gefühl hatte, nicht von dieser Welt zu sein, weil mich Dinge gestört haben, die offensichtlich unserem Zeitgeist entsprechen, wenn dies von vielen Vertretern der Volkskirche nicht so gesehen wurde. Das ist bei der Verletzung des Sonn- und Feiertagsschutzes genauso wie bei Großereignissen oder der "Vermarktung" des Christentums. Mich stört oft der Eventcharakter, den die Dinge bekommen. Dabei suchen die Menschen, die heute zu uns kommen, sicher eher die Orientierung an biblischen Themen, an Glaubensfragen. Das andere gibt es überall. Und es ist auch schwierig, wenn wir allen Entwicklungen hinterherhecheln und nun Gottesdienste oder Firmvorbereitung mit Powerpointpräsentationen gestalten, weil dies scheinbar modern ist. Ich glaube, es gibt genug Menschen, die etwas anderes suchen, die es nicht stört, wenn wir in diesen Dingen nicht von dieser Welt sind, in diesen eigentlichen Dingen.

Um sich dem Ich zu stellen, den existentiellen Fragen des Seins, die so notwendig sind und zum Glauben, zum Menschen dazu gehören, ist aber Stille notwendig, eine nach innen gerichtete Betrachtung. Da braucht es biblische Texte, Meditation, Gebet und Gemeinschaft, uralte Schätze, die Kirche immer schon besaß und die für meine Begriffe nicht unmodern werden können in einer Zeit der Events, Schätze, die wir dennoch wieder herausholen und leben sollten. Denn diese Beschäftigung führt uns auch auf eigentümliche Weise an die Botschaft der Liebe heran, der Liebe zu uns, wenn wir uns selber besser kennenlernen und damit auch zur Liebe zu den Mitmenschen.

Damit erhalten wir Zartheit , Glaubenstiefe, Orientierung an Jesus, an der Bibel. Immer dann aber, wenn ich mir überlege, was würde Jesus jetzt tun, auf welcher Seite würde er stehen, mit wem wäre er solidarisch, dann merke ich, dass ich damit einen Seitenwechsel vornehme, der dazu führt, dass ich nicht von dieser Welt bin. Immer dann bin ich auch ganz besonders stark der Liebe auf der Spur, der Liebe, die sich nicht an Konventionen hält, die sich dem Schwachen zuneigt.

Wenn uns dies gelingt, ist es mir nicht bang um die Feder, die über der Kirche schwebt, die über unseren Köpfen schwebt, auch wenn der Petersdom auf dem Bild wie Sie sehen, gleichsam ein Puzzle, ein in drei Teile zerrissenes Foto ist und die Forderung, die das heutige Evangelium auch stellt, dass alle eins seien, damit noch lange nicht erfüllt ist, eine Utopie bleibt, aber mit einer Orientierung an der Liebe, an der Zartheit, an der Kraft der Wandlung können wir uns der Einheit ein Stück weit nähern, gelingt es uns vielleicht, das Puzzle an einer Stelle zusammenzusetzen und uns einander näher zu bringen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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