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Predigt gehalten am Dreifaltigkeitssonntag, 06. Juni 2004 in der Pfarrkirche St. Anton und der Pfarrkirche St. Peter

Ich war letzthin auf einer Taufe eingeladen. Meine kleine Tochter war dabei. Wir blieben über Nacht bei der Familie und ich wachte morgens auf und sah, dass meine Tochter schon aufgestanden war. Sie war beim Baby, hielt es im Arm, es begann zu weinen, sie nahm den Schnuller, gab ihn dem Baby und sagte: "Du musst doch nicht weinen Kleines, hab keine Angst, alles ist gut".

Sie werden jetzt sagen, klar, das kenne ich, das ist so, wenn unsere Kinder nachts schlecht träumen und aufwachen ist da zunächst nur Dunkelheit. Das Kind weint. Die Mutter geht hin, streichelt ihr Kind, nimmt es hoch, macht das Licht an und sagt: auf der ganzen Welt "es ist alles gut" oder "es ist alles in Ordnung." Danach schluchzt das Kind vielleicht noch einmal auf und schläft dann in der Sicherheit ein, dass alles in Ordnung ist. Es hat das Vertrauen zur Wirklichkeit zurückgewonnen. Was soll jetzt daran das Besondere sein? Aber achten Sie mal genau auf den Wortlaut. Was hat mich umgehauen? Meine Tochter mit ihren sieben Jahren sagte nicht, es wird alles gut, nein sie sagte, es ist alles gut. Wir sagen in dem Moment als Mutter, als diejenige, als derjenige, die sich dem Kind zuwenden, es ist alles in Ordnung. Wie können wir das wagen? Wie können wir einen solch gewaltigen Satz in den Mund nehmen? In unserer Welt zu behaupten, es ist alles in Ordnung, alles ist gut, ist eigentlich unmöglich. Viele werden, wenn sie nachdenken sagen, unsere Welt ist kaputt, voller Gewalt, eben nicht in Ordnung. Und dennoch sagen wir in dem Moment, wo wir dieses Baby auf dem Arm haben und es trösten, ohne groß nachzudenken, aber sicher mit großer Gewissheit, es ist alles gut! Woher nehmen wir eigentlich die Gewissheit, dass alles in Ordnung ist? Woher können wir die Zusage geben? Eigentlich ist das doch eine Ungeheuerlichkeit zu sagen, "alles ist in Ordnung". Wenn alles in Ordnung ist, dann ist die gesamte Welt in Ordnung, dann untersteht sie Regeln, die stimmen, dann ist Vertrauen und Sicherheit da.

Wir können auch sagen: "Vertraue dem Sein!" Das hat mich umgehauen, ich dachte wow, mit sieben kann meine Tochter schon so beruhigend und beruhigt diese Heilsgewissheit aussprechen. Woher hat sie die Fähigkeit? Ist es ihr Unterbewusstsein, dass sie von mir genau diese Zusage auch bekommen hat? Wirkt Gott da in ihr, ohne das sie sich erinnern können muss? Wir nehmen da die Rolle von Weltbeschützern, von Welterbauern an, wir handeln sicher nicht in unserem Auftrag. Es erinnert zutiefst an den Anfang des Schöpfungsberichtes. Zunächst herrscht im Kind, wenn es aus schlechten Träumen aufwacht auch Chaos und Finsternis, wie es auf der Erde war. Dann kommt die Mutter, dann kommt der Mensch und sorgt für Licht, Liebe, Zuwendung und bringt Ordnung ins Chaos und alles ist gut. Wir denken an den Schöpfungsbericht in dem Gott sah, dass es gut war. Schon das Kind selbst hat die Fähigkeit Ordnung ins Chaos zu bringen, zu sagen, es ist alles in Ordnung, es kann Weltbeschützer und Weltschöpfer werden. Ich denke, jede und jeder kann das, diese Zusage geben, es ist alles gut. Vertraue dem Sein. Wenn nicht ganz schlimme frühkindliche Erfahrungen das Urvertrauen zerstört haben, ist die Fähigkeit da, als Repräsentantin der Weltordnung zu handeln, zu vertrauen, dass alles in Ordnung ist und selbst die Fähigkeit zu besitzen, diese Sicherheit auch weiterzugeben.

Ich denke bei dieser Fähigkeit an den von mir hochgeschätzten Theologen Karl Rahner, wenn ich dieses "Alles ist gut" höre. Rahner hat gesagt, dass Gott mit jedem Menschen eine Geschichte hat. Schon lange bevor ein Mensch sich zu Gott und zur Kirche bekennt, ist Gottes Heilshandeln schon im Gang. Auch die Sakramente sind nicht der Start zu einer Heilsgeschichte, sondern machen verborgene Vorgänge zwischen Gott und dem Menschen anschaulich und intensiv erfahrbar.

Sicher haben sie sich jedoch gefragt, was bringt mich dazu, diese Erfahrungen an den Anfang meiner Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag zu stellen? Wenn wir von verborgenen Vorgängen zwischen Gott und den Menschen reden braucht es etwas oder jemanden, der die Erfahrung nach außen bringt, erfahrbar werden lässt. Wie jedoch werden verborgene Vorgänge zwischen Gott und uns Menschen erfahrbar gemacht? Woher haben wir plötzlich die Eingebung, bestimmte Dinge zu tun? Wie geschieht Gottesbegegnung? Wie machen wir Gotteserfahrungen? Wie werden wir bekehrt? Wie wird Gott plötzlich in einem Leben erfahrbar, bei einem Menschen, der vorher nie mit Gott zu tun hatte, wie ich es in den letzten Jahren immer wieder bei Erwachsenentaufen erlebte?

Wir reden davon, einen plötzlichen Geistesblitz zu haben. Und da kommt für mich etwas ins Spiel, was mir vom heutigen Evangelium her wichtig ist. Dort heißt es, der Geist wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. So sagt Jesus. Der Geist ist die Erfahrbarmachung Gottes, also Gotteserfahrung. Der Geist ermöglicht plötzliche Geistesblitze. Er weht wo er will und macht es möglich, dass ein Mensch, der nicht gläubig war, plötzlich weiß, dass Gott schon lange eine Geschichte mit ihm eingegangen ist. Wenn z.B. Eltern um die Taufe ihres Kindes bitten, so kann diese Erfahrung als Erklärungshilfe für die Anwesenheit Gottes in der Welt dienen. Eltern handeln instinktiv als Abbild Gottes, als Weltschützer. Von daher kann ich den Eltern klar machen, dass sie in ihrem Handeln dem Kind gegenüber rein emotional voraussetzen, dass das Kind eine Geschichte mit Gott hat. Die Geburt eines Kindes ist ohnehin ein Moment, in dem die Eltern sich mit der Schöpfung verbunden fühlen und daher das Geheimnis des Schöpfergottes erahnen. Gott hat mit jeder und jedem von uns eine Geschichte, die wir nur oft nicht wahrhaben wollen, gegen die wir uns auflehnen, die wir ablehnen, oder von der wir wirklich nichts ahnen. Der Geist als Mittler zwischen Gott und den Menschen, als die Verkünderin der Wahrheit Jesu macht es möglich, dass passiert, wovon wir nichts ahnen. Im Schöpfungsbericht heißt es, "der Geist wehte über den Wassern". Der Geist hilft bei der Beseitigung des Chaos. Wer macht es uns denn möglich dieses Vertrauen zu haben, dass wir sagen können, "es ist alles in Ordnung"? Wir wissen doch eigentlich, dass auf unserer Welt gar nichts in Ordnung ist.

Aber es gibt diesen winzigen Moment im Schlafzimmer des Kindes, in dem wir es schaffen, alles andere auszublenden, nicht auf das Schlechte, Falsche zu schauen. Wir sehen nur das Kind, das aufwacht und weint und handeln, ohne zu reflektieren als Schöpfer der Ordnung. Wir machen die Welt gut, wir können die Zusage geben, das die Welt, das Sein, das alles in Ordnung ist. Das können wir aber unmöglich aus uns heraus. Wir haben ja selbst genauso Angst wie das Kind. Wenn wir in dem Moment jedoch die Fähigkeit haben, die Zusage zu geben, dass alles in Ordnung ist, dann schwebt der Geist auch über uns, dann hält er seine ordnende Hand über uns, dann macht er es uns möglich, den Hauch von Gottes Schöpferkraft zu spüren, dann können wir dem Sein vertrauen, weil es Gott ist, der es gibt. Und egal ob jemand an Gott glaubt oder nicht, egal, ob er sich dazu bekennt oder nicht, jeder Mensch hat diese Fähigkeit, weil Gott seine Geschichte mit ihm schon hat. Manchmal müssen wir jedoch hoffen, dass der Geist sie auch spürbar werden lässt. Und genau das tröstet mich unglaublich. Denn es bedeutet, dass wir es nicht machen können. Es bedeutet, dass auch ohne Katechese, auch ohne großartige Vorbereitung ein Geistesblitz möglich ist.

Das bedeutet, dass auch heute noch Menschen ohne vorherigen Religionsunterricht plötzlich kommen und getauft werden wollen. Das bedeutet, dass wir uns um unsere Kommunionkinder, um unsere Firmanden, von denen ich eine Gruppe in der Woche vor Pfingsten begleitete, keine Sorgen machen müssen. Das bedeutet, dass ich mich davon frei machen kann, alles selbst machen zu müssen und können. Gott hat mit jedem Menschen schon eine Geschichte, bevor der Mensch davon weiß. Jede Frau und jeder Mann kann aus Gottes Wirkmacht heraus handeln, kann sagen, alles ist gut, weil wir Abbild Gottes sind, weil Gott uns schon im Mutterleib geformt hat uns schon kennt, bevor wir ihn kennen. Wir brauchen nur zu beten, dass sein Geist es ermöglicht das Wirken Gottes an uns auch erfahrbar werden zu lassen. Wir dürfen hoffen, dass der Geist der Erkenntnis wirkt, dass er weht und es uns ermöglicht, Gottes Handeln an uns auch zu erkennen und dann seine Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihm den Weg unseres Lebens zu gehen, in der Gewissheit, wenn er mitgeht, ist es wie bei unserer frühkindlichen Erfahrung mit unseren Eltern, es ist alles gut, alles ist in Ordnung.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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