Zurück zur StartseitePredigten, Gottesdienste und Vorträge

    Predigt gehalten an Allerheilgen, 1. November 2003 in der Pfarrkirche St. Paul

Liebe Gemeinde,

beim Thema Bergpredigt werden bei mir alte Erinnerungen wach, denn dieser Text war so was wie das Regierungsprogramm der politisch engagierten christlichen Jugendlichen von Mitte der 70ger bis Anfang der 80er Jahre, als wir gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gingen und diejenigen die Zivi werden wollten noch eine Verweigerung schreiben mussten, die auf den Sätzen basierte: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" Zu der Zeit hat uns die Bergpredigt glücklich gemacht, weil wir etwas hatten, an dem wir uns festhalten konnten. Wir waren sicher in unserem Protest zutiefst jesuanisch zu handeln und damit Jesus als unseren Bruder zur Seite zu haben. Heute ist der Weltfrieden immer noch bedroht oder sogar noch bedrohter als damals, dazu kommt auch noch, dass der Mensch sich vom direkten Umfeld bedroht fühlt, von seiner Umgebung von Mitmenschen, in der Familie, von innen heraus. Mobbing, Tod, Arbeitslosigkeit, Trennung-Scheidung, Krankheit, Angst vor Verarmung und Gewalt bedrohen uns. Wir sind so mit uns beschäftigt, damit unsere kleine Welt zu schützen, unsere Wunden zu lecken, zu gucken wie wir uns in unserem Alltag so einigermaßen durchwurschteln, dass wir für die großen Dinge schon gar keine Zeit mehr haben. Wir haben nichts zu lachen!

Daher wird uns Deutschen, uns Christen, uns heutigen Menschen auch vorgeworfen, wir seien nicht glücklich. Padre Gabriel sagte in den letzten Wochen immer wieder, warum lacht ihr so wenig. Haben wir weniger zu lachen, als die Menschen in Peru? Wir glauben doch. Müßte der Glaube uns nicht eigentlich glücklich machen? Ist es nicht die Aufgabe von Christen glücklich zu sein? Die Bergpredigt hat viel mit Glück zu tun. Jesus sagt: "Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden." Sollen wir jedoch nun mit einem Trost im Jenseits abgespeist werden? Hat Theologie nicht immer gerade damit die Menschen vertröstet und nicht getröstet, dass alles besser wird, wenn wir erst im Himmel sind, so wie es am Ende der Seligpreisungen heißt: "Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein." Toll, damit warte ich nun hier mit all den Problemen, die mich heute belasten auf meinen Lohn im Himmel. Nein, ich glaube nicht, dass Jesus seine Worte so gemeint hat und als jenseitige Seligpreisung verstanden haben wollte. Glück fällt nicht vom Himmel und kommt auch nicht erst im Himmel vor.

Der Satz: "Selig die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich", besagt, dass die Befreiung aus Armut, egal, ob aus materieller oder psychischer Armut, bedeutet, trotz und wegen aller Sorgen zum eigentlichen Leben zu finden, zu einem Leben, das ein Wunder bedeutet. Wenn wir Gott und die Menschen lieben, so lehrt uns Jesus, gelangen wir zum Reich Gottes. Und wenn wir danach streben, werden wir erhalten, wonach wir uns im Innersten sehnen, jenseits von materiellem Sehnen. Wer glücklich sein will, erfüllt sein will vom Glauben, der muss zunächst erkennen, dass es gut ist, von dem loszulassen, was einen bisher materiell gebunden hat und vom Glück abgehalten hat. Glück ist etwas prozesshaftes, ich muss mich selbst finden und zu anderen Menschen finden, dann werde ich wieder lebendig und dadurch entsteht Glück. Ich muss mich aus meinen inneren Zwängen befreien, befreien von dem, was mich gefangen hält. Das ist absolut schwer, gelingt nur phasenhaft, und wird unter Umständen auch immer nur zu punktuellen Glücksmomenten führen. Wichtig ist, denke ich, das ich auch in den dunkelsten Momenten irgendwann die Frage stelle. Gibt es etwas wonach ich mich sehne? Was wollte ich schon immer machen? Was hindert mich? Wenn es mir nicht gelingt, meine Träume ein klein wenig zu realisieren, aufzustehen und auszubrechen, aus dem was mich gefangen hält, was mich hindert, dann kann ich nie Glück spüren. Ich muss das, was war, nicht vergessen, kann ich auch nicht, im Gegenteil, die Psychoanalyse sagt sogar, das es wichtig ist, Verdrängtes wieder erlebbar zu machen. Ich kann es jedoch ansehen als etwas, was mir weh tut, was ich erlebt habe, was zu mir gehört, was mich aber nicht immer nur zurückblicken lässt im Jammer und was mich nicht wie die eisernen Ketten im Märchen vom Froschkönig umfängt - sondern ich kann die Ketten sprengen und dennoch wieder sehen, dass es auch kleine Sonnenstrahlen gibt, die in mich eindringen. Glück entsteht nur im Aufbruch, es ist eine Auferstehung nach einem Karfreitag.

Daher waren Jesus und seine Jünger in dem Sinne glücklich und so will es uns auch die Bergpredigt sagen. Wenn sich Menschen aus den Ketten des Alltags befreien, erneut ins Leben aufbrechen, dann entsteht Glück. Bei Jesus wurden die angesprochen, die arm und unglücklich waren, deren Seelen versteinert waren, die Kranken, die Entrechteten, die Armen, die Ausgestoßenen. Sie erlebten mit Jesus die Liebe, verbunden mit heilenden und vergebenden Kräften. Diese Liebe Jesu hat Glücksmomente hervorgerufen. Sie kennen alle den Begriff Glückseligkeit. Hat also Glück mit Seligkeit zu tun? Wir sagen wenn ein Kind an Weihnachten das lang ersehnte Fahrrad bekommt, es ist selig. Wir verwenden die Begriffe glücklich und selig also für den gleichen Zusammenhang. Wenn das so ist, wenn Seligkeit Glück bedeutet, dann hat Jesus uns mit den Seligpreisungen, also der Auflistung dessen, was uns selig machen soll, auch eine Anleitung zum glücklich sein geschrieben!

Wenn wir die Bergpredigt auch heute noch als Aufbruch für uns betrachten, als Aufbruch zum Leben, als Aufbruch aus Zwängen, die uns hemmen und belasten, dann werden wir diese Seligkeit, sprich Glück, vielleicht auch ein kleines Stück als Morgenröte an unserem Horizont erleben.damit den Menschen hingegeben hat, für sie gestorben ist, um sie von ihrer Schuld zu befreien.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

zum Seitenanfang