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Geistliche Impulse zum Konzert am 06.05.01 in der Peterskirche

1. Impuls

Die Barockzeit war eine heitere Zeit, eine Zeit in der prachtvoll ausgeschmückte Kirchen wie die Peterskirche hier gebaut wurden, in der ich Sie heute zu diesem Konzert ganz herzlich begrüßen darf. Auch entstanden Schlösser wie das Bruchsaler Schloss und alles war auf Prunk und Lebensfreude hin ausgerichtet. Aber wenn man sich genau überlegt, was voraus ging, so war das ein sehr düsteres Kapitel der Geschichte. Von 1618 bis 48 wütete der Dreißigjährige Krieg in Deutschland. Viele Ortschaften wurden völlig zerstört, die Bevölkerung um bis zur Hälfte reduziert, vor allem hier im Südwesten und das aus Glaubensgründen, weil es plötzlich Katholiken und Reformierte gab. Und direkt im Anschluss als sich das Land gerade mühsam von den Kriegsfolgen erholte, ging hierzulande 1689 der Pfälzische Erbfolgekrieg nieder, die Brandschatzung der Pfalz und der Kurpfalz. Und genau danach kam die Heiterkeit und Lebensfreude des Barock, als wolle man es so richtig wissen. Diese Zeit mit ihrem Auf und Ab des 16. und 17. Jahrhundert ist der Hintergrund zur Musik die wir hörten, wobei Bach, den musikalischen Höhepunkt des Barock bildet. Passend zu meinen Gedanken ist auch der Satz, der über Johann Sebastian Bachs Präludium A-Dur gesagt wird:
"Über das Präludium scheint aller Glanz eines Frühlingstags ausgegossen zu sein (...)."

Die Heiterkeit und Freude des 17. Jahrhunderts klingt für mich auch in einem unglaublich lebensbejahenden Lied an, dass 1656 unmittelbar nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs geschrieben wurde, als die Staaten noch daniederlagen. Ich zitiere davon nun in Ausschnitten:
Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerszeit
an deines Gottes Gaben...
...das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide
Narzissus und die Tulipan
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide...
Ich selber kann und mag nicht ruhn
des großen Gottes großes Tun
erwecket mir alle Sinne...
So schreibt Paul Gerhardt in seinem bekannten Frühlings- und Sommerlied, dass bei protestantischen Familien zum Standardliedgut zählt.
In Bruchsal war heute Sommertagsumzug. Dabei wurde das Ende des Winters gefeiert und der neuerwachenden Natur gedacht. Die Freude über den Frühling kommt zum Ausdruck, aber bei gläubigen Menschen ist diese Freude eng verknüpft mit dem Dank an den Schöpfer, der uns diese Wunder ermöglicht.

2. Impuls

Mai- Marienmonat

Ave maris stella, salve Regina, so hießen musikalische Grüße an die Gottesmutter, die wir gerade gehört haben. Im Mai hat sie ihren Festmonat. Wie eine Mutter ihrem Kind das Leben schenkt, so schenkt uns der Schöpfer im Frühling in der wieder erwachten Natur neues Leben. Gott, ist wie eine Mutter und ein Vater. Wir nennen unsere Erde Muttererde, weil die Erde mit dem Mutterschoß verglichen wird und daher in vielen Religionen auch heilig ist. So ist der Mai der Monat in dem wir an die Mütterlichkeit der Natur, an die Mütterlichkeit Gottes und an die Mütterlichkeit aller Schöpfung denken. Wir danken Gott dafür, dass es immer eine Zeit des Entstehens, des Geborenwerdens und der Neuerschaffung gibt.

Aber das dabei geschaffene Bild der Gottesmutter als Madonna, als Königin, als Entfernte, Entrückte, in den Himmel verschwundene hat auch in vielen Menschen Schwierigkeiten ausgelöst. Das Bild von Maria war und ist dem Zeitgeschehen unterworfen. In den alten Kulturen wurde sie dargestellt wie Isis mit Osiris, eine Statue einer Mutter, die ihr Kind auf dem Arm hat. In der Romanik war sie schlicht eine Mutter. In der Gotik erhielt sie eine Krone wie eine mittelalterliche Königin, auf Bildern wurde sie im Rosengärtlein dargestellt, die Minne widmete ihre Liebesgesänge Maria. Später entwickelte sie eine barocke Prachtfülle und neuerdings nehmen sich die feministische Theologie und die Naturreligionen ihrer an. Was aber bleibt? Es bleibt die Wichtigkeit, dass jede Religion eine Mutter braucht, so wie der Mensch eine Mutter braucht. Es geht nicht ohne Mütterlichkeit. Sie macht das Leben friedvoller, weicher, verständnisvoller, ja liebevoller.

Ein Gedicht setzt sich mit der Mütterlichkeit Mariens auf dem Bild der Madonna aus dem Hause Tempi von Raffael auseinander. Bilder der Raffaelmadonnen sind sehr bekannt und vielerorts als Kopie zu finden. Bei den Anthroprosophen wird schwangeren Frauen geraten, jeden Tag für eine Weile das Bild einer Raffaelmadonna anzuschauen, um gute Gedanken auf das ungeborene Kind zu lenken. Auch das Gedicht setzt sich betrachtend mit dem Bild einer Raffaelmadonna auseinander. Es ist vielleicht für manche in seinem Schlusssatz zu kritisch, aber ich glaube, worum es dabei geht, ist die Mütterlichkeit, die stärker im Vordergrund steht als die Göttlichkeit. Spüren wir dieser Mütterlichkeit nach:

· O Mutter! Deren Arm ein All umspannt!
So süß entzückt, mit schüchternem Begreifen,
So zitternd trägt ihr Blümlein deine Hand
Und wagt es kaum, den zarten Schmelz zu streifen.
Ein goldnes Schlüsslein, das dein Herz erschließt,
Ein lebend Liebeswort aus Gottes Munde,
Ein rein Gefäß, drein deine Seele gießt
Die klarste Wonne jeder frühren Stunde.
Die Händchen, ros'ge Falterflügelein,
Sie flögen himmelwärts so gern, so gerne;
Von seinen Lippen strömt der Sonnenschein,
In seinen Äuglein strahlen Mond und Sterne.
Du Rosenblüte, die kein Winter schreckt,
Alltäglich Wunder in der Welt Getriebe,
Du Wesen, das im Weib die Mutter weckt,
Von Liebe stammt und kommt und bittet:
"Liebe!"
Ich knie nicht vor der Himmelskön'gin Thron,
An einem Frauenglück möcht teil ich haben;
Ich grüß die Mutter mit dem kleinen Sohn,
Nicht die Madonna mit dem Jesusknaben.
GERTRUD KOLMAR

3. Impuls

Wir haben uns in den ersten zwei Impulsen daran erinnert, dass wir uns nun im Frühling befinden, in der Zeit, in der die Natur erwacht. Nun jedoch erinnerte uns die Musik an die Endlichkeit. Es gibt Frühling, Sommer, Herbst und Winter, also das Erwachen der Natur, ihr Absterben und die Winterstarre. Genauso weiß der Mensch um seine Endlichkeit. Es gibt kein Leben ohne Sterben.

In der Bibel im Buch Kohelet heißt es:
Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären
und eine Zeit zum Sterben,
eine Zeit zum Pflanzen
und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten,
und eine Zeit zum Heilen,
eine Zeit zum Niederreißen
und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen,
eine Zeit für die Klage
und eine Zeit für den Tanz...

Das menschliche Leben ist diesem Kreislauf unterworfen. Wir können davor nicht fliehen, ihm nicht entkommen. Unser Leben entsteht, wächst, blüht, vergeht und stirbt, zumindest auf dieser Erde. Es bleibt nur der Trost auf ein jenseitiges Leben vor Gott. Aber nicht nur der Kreislauf der Natur und allen Lebens bedingt diese Zwangsläufigkeit. Es gibt eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, hieß es im Bibelzitat. Die Zeit zum Töten haben Menschen sich in den letzten zwei Jahrhunderten des letzten Jahrtausends auch oft selbst gemacht. Der Mensch hat Kriege geführt, die so brutal waren, dass man es vorher nicht für möglich hielt, dass der Mensch zu so etwas fähig ist. Unter diesem Eindruck stand und steht die Musik der Moderne wie auch Kunst und Literatur. Wir wissen um schreckliche Dinge und fragen uns, ob man danach in der Kunst noch die Schönheit der Erde, die Schönheit von Gottes Schöpfung preisen darf. Damit schließt sich der Kreis. So wie es nach dem Dreißigjährigen Krieg möglich war, Gott für seine Wunder zu preisen, so wie danach im Barock die Lebensfreude und -fülle gelebt wurden, so kann der Mensch auch nach den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und all den Gräueltaten, die in dieser Zeit geschahen, Gott noch als Schöpfer preisen. Auch die Musik spürt dem nach. Sie drückt Trauer, Entsetzen, Freude, Pathos und Lobpreis aus. So wollen wir unsere Besinnungen auch mit den Worten eines modernen Kanons zum Buch Kohelet beenden, der diese Erkenntnis vermittelt: Alles auf der Erde wächst und vergeht, alles auf der Erde stirbt und entsteht. Alles auf der Erde hat seine Zeit, der Schmerz und die Heiterkeit. Alles auf der Erde atmet deinen Geist, der uns im Dunkeln Licht verheißt.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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