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Predigt am Vorabend vom 4. Advent, 23. Dezember 2000, gehalten in der Pfarrkirche St. Peter

"Ich heiße Miriam. Ihr kennt mich besser unter dem Namen Maria. Vor 2000 Jahren war ich gerade auf dem Weg zu meiner Verwandten Elisabeth. Sie erwartete wie ich ein Kind. Da musste ich doch einmal sehen, wie es ihr ging. Stellt euch vor, was sie mir erzählte: Das Kind in ihrem Bauch hüpfte, als sie mich begrüßte. So sehr haben sie sich über mich und mein Kind gefreut. Sie wollte mir damit wohl sagen Da geschieht etwas ganz Besonderes etwas, was man nicht mit dem Menschenverstand begreifen kann.

So oder ähnlich könnte Maria uns das Ereignis aus dem eben gehörten Evangelium erzählt haben. Was ist das Besondere an der Situation? Die Bibel spricht davon, dass Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt wurde. Dadurch wurde die Begegnung eine ganz besondere Begegnung. Wo Menschen sich begegnen, berühren sich Himmel und Erde. Ich fand ein Gedicht, dass für mich ausdrückt, was bei solch einer Begegnung empfindet:

Es war nur ein sonniges Lächeln, es war nur ein freundliches Wort, doch scheuchte es lastende Wolken und schwere Gedanken fort.
Es war nur ein warmes Grüßen, der tröstende Druck einer Hand. Doch schien's wie die leuchtende Brücke, die Himmel und Erde verband.

Eine solche Begegnung geschah zwischen diesen beiden Frauen, zwischen diesen beiden Menschen. Elisabeth wusste plötzlich genau, was mit Maria los ist, die beiden haben sich miteinander gefreut und hatten eine ganz tiefe Begegnung. Maria brauchte nicht mit großen Worten zu erklären, was geschehen war. Sie brauchte nichts vom Engel zu sagen, nichts davon, was das für ein Kind ist, das sie erwartet. Elisabeth erfasst die Dimensionen von selbst. Wenn uns so eine Begegnung widerfährt, in der wir dem anderen nicht viel erklären müssen, in der wir spüren, da erfasst jemand unsere Situation, dann ist das, als würden sich Himmel und Erde begegnen. Wir sprechen davon, dass wir eine Eingabe hatten, das wir eine Ahnung hatten, die Bibel beschreibt Elisabeth als vom Heiligen Geist erfüllt. Ich glaube, das ist das Gleiche. Wenn ein Mensch sich plötzlich in einen anderen einfühlen kann oder weiß, was passiert ist, dann ist dies nicht ohne Zutun Gottes möglich. Ist Ihnen das auch schon mal passiert, dass jemand genau im richtigen Moment angerufen hat, um zu fragen, wie es Ihnen geht, das ein Freund zu Besuch kam, weil er das Gefühl hatte, sie brauchen das jetzt? Jemand umarmt sie, weil er weiß, sie sind traurig, jemand weint mit ihnen. Jemand teilt mit ihnen Glücksmomente, lacht mit ihnen, freut sich mit. Aber es geht genauso auch umgekehrt. Ich selbst gehe zu jemandem und plötzlich spüre ich, Hoppla, da werde ich jetzt gebraucht. Hier stimmt was nicht oder hier passiert etwas ganz besonderes. Etwas geht vor und ich sage oder tue genau das richtige. All das geschieht, ohne große Worte, es geschieht ohne das erklärt werden muss was genau war.

Solche Momente sind Sternstunden der Begegnung. Das sind Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren. Das sind Momente, in denen wir das Gefühl haben, Gott sendet uns einen Engel. Das sind Momente, in denen wir von Gottes Geist berührt werden. So stelle ich mir auch die Begegnung zwischen Elisabeth und Maria vor. Maria kommt zu Elisabeth zu Besuch. Sie umarmen sich. Elisabeth weiß plötzlich alles - die Umarmung ist Ausdruck davon. Die zwei sind ganz eins mit sich und ihren Erlebnissen, auch verbunden durch die Gemeinsamkeit der Schwangerschaft, durch die Intensität der Gefühle, durch das Wissen, da versteht mich jemand, da geht es jemandem genau wie mir. Es gibt Gespräche, die sind so intensiv, dass man das Gefühl hat, dass da der Geist Gottes wirkt. Diese Momente, die bleiben uns ein Leben lang im Gedächtnis haften. Die vergisst man nie. Dabei sind sie eigentlich gar nicht spektakulär. Und vor allem, wir können nichts dafür tun. Sie werden uns einfach geschenkt. Wenn uns dieser Geistesblitz widerfährt, haben wir dafür am wenigsten getan. Das einzige, was wir tun müssen, ist offen dafür sein, die Situation erkennen, sie annehmen und wahrnehmen können. Und das fällt uns oft genug sehr schwer.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass uns Gott solche Begegnungen, wie sie Maria und Elisabeth hatten, schenkt. Ich wünsche uns die Offenheit, solche Begegnungen zu erfassen und zu erfahren. Ich wünsche uns allen geisterfüllte Augenblicke der Begegnung in unserem Leben.
Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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