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Predigt gehalten im Jugendgottesdienst am 7. Oktober 2000 in St. Paul

Männer habens schwer, nehmens leicht
außen hart und innen ganz weich
werden als Kind schon auf Mann geeicht
So singt Herbert Grönemeyer in seinem bekannten Song "Männer".

Und auch die Frauen klagen in einem Lied, dass in meiner Jugend sehr aktuell war, ihr Leid:
"Schlaue Frauen sind verdächtig, nehmen alles in die Hand
Schlaue Frauen beweisen täglich ihren Verstand
Starke Frauen schlagen Männern auf den Magen
müssen immer besser sein
Starke Frauen jagen Männern Ängste ein."

Wie gut hatten es da die Menschen früher, als noch alles klar war: Männer sind stark, Männer weinen nicht, Männer sind überlegen, Männer sind die Herrscher. Männer wissen, dass Frauen schwach sind, schon alleine deswegen, weil sie ja bloß vom Mann abstammen. Wieviele Witze wurden über die Rollenklischees alleine deswegen gerissen, weil der heutige Lesungstext dazu Anlass bot: Die Frau wurde aus der Rippe des Mannes gebaut! Damit war doch alles klar. Männer werden als Kind schon auf Mann geeicht! Männer sagen wos lang geht, sie verdienen das Geld -und damit haben sie das Sagen. Und Frauen? Die sind zu Hause, bekommen die Kinder, bedienen, ja dienen, müssen still sein.

Und auf einmal in den 60ger Jahren da hat sich alles geändert! Plötzlich brachen die klassischen Rollenklischees auf. Plötzlich redeten die Frauen von Emanzipation und von Selbstverwirklichung, die Männer durften weinen, Männer konnten Babies wickeln, Kinder hüten, ja gar Hausmann werden - und viele verstanden die Welt nicht mehr. Alles ist komplizierter geworden, denn die klassischen Rollenklischees stimmen nicht mehr. Frauen erlernen ein Handwerk, werden Pilotin, Soldatin. In anderen Kirchen dürfen sie gar Pfarrerin werden. Männer dagegen gehen in pflegerische Berufe, Männer schmeißen den Haushalt und werden Erzieher. Dadurch wird natürlich alles komplizierter, denn alles was nicht in hergebrachten Bahnen verläuft, bedarf neuer Absprachen, muss ausdiskutiert werden, bedarf vieler Kompromisse und Verhandlungen. Es ist natürlich leichter, wenn man genau weiß, worauf man sich einlässt und nicht jede Lebensbiographie sich völlig individuell entwickelt, ohne dass ich mit 20 schon weiß wie es mit 60 sein wird. Aber diese scheinbar einfache Art zu leben, diese Art, in der klar war, wie das Leben von Männern wie das Leben von Frauen zu verlaufen hat, diese scheinbar einfache Art, ist nicht biblisch.

In der Bibel spricht Gott nicht von über -und untergeordneten Verhältnissen. Gott spricht nicht davon, dass er die Frau aus der Rippe des Mannes baut, damit sie ihm gehorche, sondern es heißt: " Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und beide werden ein Fleisch." Der Mann soll sein Heim verlassen und zu seiner Frau gehen, damit die beiden zu Partnern werden. Diesen Gedanken des Schöpfungstextes greift Jesus im Evangelium auf. Dieser Aspekt wurde immer missverstanden. Gott ging es nicht darum, dass Eva, die aus Adams Rippe geformt ist, ihm daher untertan ist, Gott geht es darum, dass Mann und Frau Partner sind. Ihm geht es darum, dass es männliche und weibliche Menschen braucht, weil die Gegensätze männlich und weiblich notwendig sind, damit es gut wird auf dieser Erde. Partnerschaft heißt nicht Unterordnung der Frau in alte Klischees, bedeutet aber auch nicht "Starke Frauen jagen Männern Ängste ein". Nein, Partnerschaft heißt Gleichheit, Gleichwertigkeit in der Andersartigkeit. Männer und Frauen sind gleichgut, können gleichviel können gleichviel leisten, auch wenn oft auf andere Weise. Es geht um Entsprechung, vielleicht auch um Gegensätzlichkeit aber das widerspricht nicht der Gleichheit. Gegensätzlichkeit bedeutet zwei Sachen gehören zusammen: hart und weich, warm und kalt, reden und schweigen. Genau wie diese Gegensatzpaare nicht ohneeinander auskommen kommt männlich nicht ohne weiblich aus und umgekehrt. Beides ist unabdingbar notwendig.

Die Chinesen reden von zwei Prinzipien, die sich die Zyklen der Zeit teilen: Yin und Yang. Yin beherrscht das Feuchte, Dunkle, den Mond und das Weibliche, Yang lenkt das Trockene, das Licht, die Sonne und das Männliche.
So erzeugen Yang und Yin in vollendetem Miteinander das gesamte Leben. Von Yin und Yang wird heute auch bei uns viel geredet, das Zeichen für Yin und Yang findet sich auf Kerzen, Bettwäsche und anderen Einrichtungsartikeln. In diesem alten chinesischen Prinzip wird etwas sehr Wichtiges ausgedrückt, nämlich die Erkenntnis, dass es ohne das Miteinander scheinbarer Gegensätze nicht geht. Das ist das gleiche wie im Schöpfungstext ausgesagt wird: Dort heißt es: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Es geht also um eine Entsprechung von männlich und weiblich. Das bedeutet ein Miteinander, bedeutet Partnerschaft von Mann und Frau. Dieser Aspekt gestaltet zunehmend unser gesellschaftliches Leben in Deutschland. Dieser Aspekt der Partnerschaft von Mann und Frau als gleichwertige Partner sollte auch in unseren Familien gelten. Und nicht zuletzt sollte dieser Aspekt der gleichwertigen Partnerschaft von Mann und Frau auch in unserer Kirche gelten. Es gilt das Prinzip männlich und weiblich gleichwertig nebeneinander zu stellen und es so zu sehen wie es ist, das eine kommt nicht ohne das andere aus. Der Mensch braucht eine Hilfe, die ihm entspricht, mit der er in Partnerschaft sein Leben gestaltet in unseren Familien, in unseren Gemeinden, überall dort, wo Menschen miteinander Leben gestalten.
Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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