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Wer Informationen zu dem Thema sucht, erhält diese über die Homepage http://www.gottes-suche.de/

Hier finden Sie eine Dokumentation meiner Arbeit mit dieser Gruppe, vor allem sind dies Pressenachrichten der letzten Jahre. Neben der regelmäßigen Teilnahme an den Treffen der Selbsthilfegruppe zählt dazu auch die Öffentlichmachung des Themas, damit das Schweigen gebrochen wird. Immer wieder geht es darum, dieses Thema nicht ins Abseits zu drängen. Seit 2003 bin ich mit dem Thema befasst, 2005 wurde in unserer Bistumszeitung,  Konradsblatt,  über die Gruppe berichtet, im gleichen Jahr war ich auf dem Studientag "Umgang mit traumatisierten Menschen in der Seelsorge" am 06.04.2005 in Rastatt, 2006 im Januar feierten wir in Weingarten einen Gottesdienst, im Spätjahr war der ACG-Jahresgottesdienst mit diesem Thema befasst, 2007 die Aktion Stolpersteine, die in der Fastenzeit auf Nöte Bruchsaler Bürger aufmerksam machte und im selben Jahr der Kirchentag in Köln.  Ich habe in meiner Kindheit erfahren dürfen, dass man Gott so vertrauen kann, wie der eigenen Familie, dass man von Gott so geliebt wird, wie von den Eltern. In meiner späteren Berufszeit bin ich immer wieder Mädchen und Frauen begegnet, die diese Erfahrung nie machen durften, die auf der Suche nach Gott sind, weil sie nie die Erfahrung machen durften, es gibt Menschen, auf die ist Verlass. Da ich selbst weiß, was es heißt, traumatisierende Erlebnisse zu haben, möchte ich die Frauen auf ihrer Suche begleiten und ihnen eine Stimme leihen, wenn sie es selbst nicht mehr schaffen.

http://www.katholisch.internetseelsorge.de/cms/de/thema-des-monats/2006-10/initiative-gottes-suche/index.html

SOZIALPROTOKOLL

Artikel in Publik-Forum Nr. 10 2005, S. 25

"Da bin ich wie erstarrt

Nach jahrelangem sexuellen Missbrauch: Der Weg zurück ins Leben

VON EVA BAUMANN-LERCH

Immer wenn die Mutter zur Fahrschule ging, nahm der Vater sie mit ins Schlafzimmer, schloss die Tür zu und vergewaltigte sie. Da war Anne erst vier Jahre alt. Ihre ganze Kindheit hindurch ist Anne Kaufmann* von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Jetzt ist sie über 40, der Vater ist lange tot. Aber wenn Anne morgens in den Bus steigt, rast ihr das Herz, und Arbeiten kann sie nur halbtags, im Schutz einer Rehawerkstatt. Trotz jahrelanger Therapien und Klinikaufenthalte wird sie immer wieder von Angst- und Panikattacken überfallen. "Da bin ich wie erstarrt und kann nicht sprechen", berichtet sie.

Als Kind hat sie mit niemandem über den Missbrauch sprechen können. "Einmal saß ich bei meiner Mutter auf dem Küchentisch und hab' ihr alles gesagt", erinnert sie sich. "Aber sie glaubte mir nicht. Und dann stand plötzlich mein Vater in der Tür, und ich sagte gar nichts mehr." Als die Eltern sich scheiden lassen, nutzt der Vater das Besuchsrecht, um Anne zu missbrauchen. Er fährt mit ihr in den Wald, angeblich um Rehe zu beobachten, und missbraucht sie dort. Er passt sie an der Schule ab und nimmt sie mit in sein möbliertes Zimmer. Manchmal versteckt sie sich im Kohlenkeller, damit er sie nicht findet. Anne ist zwölf Jahre alt, als endlich ein Mensch ihr Leiden erkennt: eine Gruppenleiterin des Christlichen Vereins junger Menschen. Die sieht das Mädchen weinen und fragt sie, was los ist. Obwohl sie nichts sagt, lässt die Frau nicht locker, lädt Anne zu sich nach Hause ein und gewinnt ganz langsam ihr Vertrauen. Endlich kann das Kind sich öffnen und reden. "Diese Frau ist meine Lebensretterin", sagt Anne Kaufmann dankbar und zeigt auf das Foto der blonden Frau, das noch heute in ihrer Wohnung hängt. Durch den Einsatz der vertrauten Erwachsenen wird die Polizei eingeschaltet, und es kommt zum Prozess gegen Annes Vater.

Der Prozess ist traumatisch: Die Zwölfjährige muss vor Gericht aussagen, alle Details werden genauestens verlesen. Und dann fängt ihr Vater sie noch in einer Sitzungspause ab und droht, sie umzubringen. Am Ende wird der Mann zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Später steht er wegen anderer Missbrauchsdelikte vor Gericht und bekommt längere Haftstrafen.

Auch nach der Verurteilung des Vaters geht ihr Leben nicht einfach weiter. Am Anfang macht sie noch eine Lehre als Bäckereiverkäuferin; sie fühlt sich dort wohl, und die Bäckersleute mögen sie. Doch dann stirbt der Vater, und die Großmutter überredet sie, zur Beerdigung zu kommen. Die wohlmeinende Grabrede des Pfarrers empfindet Anne als Heuchelei: "Ich wollte aufspringen und die Wahrheit herausbrüllen." Stattdessen bleibt sie still sitzen und fährt zitternd nach Hause.

Nach der Beerdigung bricht die Krankheit mit voller Wucht aus. Die junge Frau hinter ihrer Brottheke entsetzliche Panikattacken und kann nicht mehr arbeiten, sie verletzt sich selbst, kann vor Angst das Haus nicht verlassen und begeht schließlich einen Selbstmordversuch.

Es folgen zahlreiche Klinikaufenthalten und langjährige Therapien, viele verschiedene Stationen, in denen sie mühsam Weg aus der Verletzung sucht und ganz allmählich zu neuem Leben findet. "Diese ganzen Stationen haben mir geholfen, dass ich jetzt da bin, wo ich stehe", sagt sie.

Heute lebt sie mit ihrem Lebensgefährten in einer Universitätsstadt, in einer kleinen liebevoll eingerichteten Wohnung. Überall  Blumen, Kissen, Fotos, Puppen und Teddys, über der Badewanne leuchtet ein großes buntes Herz. Die große Frau mit den langen schwarzen Locken und den offenen Augen kann mittlerweile über ihre Verletzungen sprechen - und hält dabei doch immer wieder den Atem an.

Angst und Schmerz sind noch immer in ihr, aber auch die Erfahrung von Heilung und Begegnung, von Menschen, die sie liebevoll begleiten und ihre Entwicklung stützen. Freundinnen, Therapeutinnen, Rechtsanwältinnen. Die Opferschutzorganisation Weißer Ring, die mit ihr eine Rente nach dem Opferentschädigungsgesetz erkämpft hat. Und der Lebensgefährte, der so ganz anders als der Vater ist, sie mit all ihren Verletzungen annimmt und von dem sie sich wirklich geliebt weiß.

"Ich kann nicht an der Oberfläche leben wie viele andere Leute das tun", sagt sie. "Wenn du diese Belastung hast, dann musst du auf einer tieferen Ebene fühlen um echte Begegnung erfahren." An ihrem Schrank hängt der handgeschriebene Text aus einem Lied von Bettina Wegner: "Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh'n kaputt dabei."

*Name von der Redaktion geändert

Leserbrief zu diesem Artikel, abgedruckt in Publik-Forum 13 2005

Ich möchte mich ganz herzlich für den Artikel, "Da bin ich wie erstarrt" von Eva Baumann-Lerch bedanken. Ich bin Gemeindereferentin und wurde angefragt, eine Gruppe von Frauen, die genau diese Erlebnisse von sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt als Kinder und Jugendliche hinter sich haben, als Seelsorgerin zu begleiten und tue dies sehr gern. Diese Frauen leiden unter ähnlichen Symptomen wie im Artikel geschildert, sie alle sind traumatisiert und leiden zu all den Folgen dessen, was man ihnen angetan hat, auch darunter, dass sie sich in Kirche und Gesellschaft kein Gehör verschaffen können, dass sich niemand bzw. kaum jemand für sie und ihre Probleme interessiert. Im Gegenteil, die Opfer müssen sich noch rechtfertigen für ihre Empfindlichkeit und durchleben immer wieder Ablehnung wie sie sie als Kinder schon zur Genüge erleben mussten.

Ich werde der Gruppe den Artikel zeigen, weil es für sie wichtig ist, zu sehen, dass es doch auch passiert, dass jemand ihre Probleme wahrnimmt und benennt und wünsche mir, dass Sie dieses Thema auch in Zukunft nicht vergessen.

M. Gallinat-Schneider

Konradsblatt Nr. 35-36 vom 28.8./4.9.2005 - Seiten 14/15

Wenn Gott der Gewalt zum Opfer fällt

Suche nach einem „Glauben nach Gewalterfahrungen"

Die Scham, Opfer geworden zu sein, hat sie verstummen lassen. In Bruchsal haben sich Betroffene von Gewalt gemeinsam aufgemacht: aus Schweigen und Unsichtbarkeit zur Gottessuche.

Von Brigitte Böttner

Man sieht sie nicht - sie machen sich unsichtbar. Jede für sich, mit ihrer eigenen Geschichte, die nicht erzählt wird. Niemand will sie hören, auch sie selber nicht. Nicht dran rühren, schweigen.

Auch Rika hat dazugehört, jahrzehntelang: zur unsichtbaren Menge der Sprachlosen. Keine wusste von der anderen, ihrer Scham, ihren Schuldgefühlen, ihrem Misstrauen. Jede war allein mit ihrem Problem, das so selten nicht war, wie sie meinte.

Gewaltsames Erbe: Verurteilt zu Scham und Schweigen

Irgendwann hat Rika das Schweigen gebrochen. Sie ging in Therapie, arbeitete an ihrem Problem. Lernte. Auch das Sprechen lernte sie wieder, so schwer es ihr fiel. Gewalt, die man erlebt hat, lässt sich kaum in Worte fassen. „Das ist anders als bei einem Unfall oder als bei einer Krankheit.“

Verletzungen mögen schwer, sogar lebensgefährlich sein, und Schmerzen unerträglich. Aber nach Unfällen kann man handeln: Wunden versorgen und pflegen, vielleicht auskurieren. Doch Gewaltopfer sind keine Unfallopfer, sie sind Menschenopfer. Und die Scham, Opfer geworden zu sein, lässt sie verstummen. Sie selbst und die Menschen um sie herum.

Nach der Therapie war Rika einen Schritt weiter mit sich und ihrer Welt. Aber nicht mit Gott. „Da fehlte noch was." Ein Therapeut ist kein Seelsorger, auch wenn „die Psyche" sein Fachgebiet ist. „Die spirituelle Seite der Gewalterfahrung spielt da überhaupt keine Rolle", hat Rika gemerkt.

Aber die Wunden bleiben. Gewaltopfer sind gezeichnet für immer. Ihr Leben ist ein Überleben, oftmals in direkter Umgebung des Gewalttäters: Wenn es ein nahe stehender Mensch ist, ein Familienangehöriger, der eigene Vater.

Sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt mögen mit dem gesellschaftlichen Tabu belegt sein - ohne Folgen bleiben sie nicht, auch für die „religiöse Gesundheit" nicht. Sie können eine Art Phantomschmerz hinterlassen, wie nach dem Verlust eines Körperteils. Wenn eine Verbindung abreißt, ein Kontakt zerstört wird. Auch die Vorstellung von Gott, der Glaube an einen gütigen „Vater im Himmel" (wie Jesus ihn nannte), kann der Gewalt zum Opfer fallen, wenn der eigene Vater der Täter war. Vertrauen wird zur Zumutung, unmöglich.

Im Schutz der Anonymität zu jeder Zeit vernetzt

Rika fand Gottes Haus nicht mehr. Nicht bei der Kirche. Auch dort fand sie das „Tabu"; man schwieg - wie andernorts.

Nach drei Jahren fand sie Verbündete. Über die Kirche und in der Kirche. Ein Pfarrer half ihr dabei, selbst ein Forum für Betroffene aufzubauen, eine virtuelle Anlauf- und Kontaktstelle für Gewaltopfer und ihre Seelsorge: www.gottes-suche.de - ein Platz für Heimatlose im Internet. Mit Informationen, Adressen und Ansprechpartnern, im geschützten Bereich über persönliche Anmeldung und Passwort.

„Viele melden sich nur unter dem Vornamen oder geänderter Anrede", sagt Jörg Sieger, Leiter der Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal, der den Web-Auftritt aufgebaut und sich als Seelsorger für die Homepage zur Verfügung gestellt hat. „Die Vorteile des Internets liegen auf der Hand: anonym und jederzeit zugänglich."

Auch Marie-Luise Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin in St. Peter, steht als Ansprechpartnerin im Netz. Daneben begleitet sie persönlich eine „reale" Gruppe von Betroffenen in deren monatlichen Zusammenkünften. Sie nennen sich „Gewaltüberlebende Christinnen" und verstehen sich als „Gott(es)-Sucherinnen": Gemeinsam sind sie unterwegs zum „Glauben nach Gewalterfahrungen", suchen nach befreienden Perspektiven im Lebens- und Erfahrungsschatz: der Bibel, des Christentums.

„Wir tasten uns langsam voran, lernen wieder Vertrauen zu entwickeln, üben und erproben es", sagt Rika. Nicht länger allein zu sein mit den schrecklichen Erlebnissen, dem Trauma der Gewalt, zu wissen: es gibt noch andere und wir müssen einander helfen - das kann die letzte Rettung sein. Mit der Gruppe hat Rika schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, hat Glauben und Vertrauen wiedergewonnen. Auch ihre Sprache - „und will und darf nicht länger Schweigen".

„Unsere Unsichtbarkeit und unser Schweigen werden weder uns noch andere schützen", heißt es auf der Homepage. „Sie spielen den Tätern und Täterinnen in die Hände. Das darf - um Gottes willen - nicht sein."

Zum Thema

Jede siebte Frau in Deutschland wird mindestens einmal Opfer von Gewalt. Ingrid Olbricht, Fachärztin für Psychosomatische Medizin beschreibt in ihrem Ratgeber die Folgen seelischer und körperlicher Gewalt, erläutert Hilfsangebote und Therapien für Betroffene, Ärzte und Angehörige.

Kontakt

Arbeits- und Selbsthilfegruppe „Gewaltüberlebende Christinnen & GottesSuche - Glaube nach Gewalterfahrungen", im Internet unter: www.gottes-suche.de

Marieluise Gallinat-Schneider, E-Mail: m.gallinat@joerg-sieger.de

Jörg Sieger, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de Seelsorgeeinheit St. Peter, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal, Telefon (07251) 9761-0, Fax (07251) 9761-12

ZUM BILD: Verbündete für Gottessucher(innen) und Menschen mit Gewalterfahrung: Gemeindereferentin Marie-Luise Gallinat-Schneider und Pfarrer Jörg Sieger, Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal. Verbündete für Gottessucher(innen) und Menschen mit Gewalterfahrung: Gemeindereferentin Marie-Luise Gallinat-Schneider und Pfarrer Jörg Sieger, Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal. Foto: Böttner

Pfarrkirche St. Michael, Weingarten: Gottesdienst zum Thema Gewalt

21. 1. 2006, 18.30 Uhr. Gottesdienst zum Thema: "Das Schweigen brechen. Gewalt, über die man nicht spricht." Mit Dekan Jürgen Olf, Bruchsal, und Pfarrerin Frank sowie Mitarbeiterinnen der Gruppe "Christinnen gegen Gevvalterfahrungen'' Konradsblatt Nr. 3/2006

Gottesdienst befasst sich mit Gewalterfahrung

Bruchsal/Weingarten (BNN). " Das Schweigen brechen - Gewalt, über die man nicht spricht" ist der Leitgedanke eines besonderen Gottesdienstes am Samstag, 21. Januar, 18.30 Uhr, in St. Michael in Weingarten. Mit dabei der katholische Dekan für das Dekanat Bruchsal, Jürgen Olf, die evangelische Pfarrerin Frank aus Bad Schönborn und Mitarbeiterinnen der Gruppe "Christinnen mit Gewalterfahrung". Diese Gruppe ist in der Bruchsaler Seelsorgeeinheit von St. Peter beheimatet.

Dokumentation Gottesdienst am Samstag, 21. Januar 2006 18.30 Uhr in der katholischen Pfarrkirche St. Michael, Weingarten in Baden

Gewalt, über die man nicht spricht - Vom "Dauerauftrag" der ChristInnen

0. Vorbemerkung und Dank

Gewalt findet im Nahbereich statt, im Alltag. Gottesdienste gegen Gewalt hingegen finden üblicherweise in Nischen statt, in "besonderen" Räumen, zu besonderen Zeiten, in denen sich die treffen, die mit "dem Thema" professionell beschäftigt sind. Die Gruppe gewaltüberlebender Christinnen, Bruchsal, war der Ansicht, dass ein Gottesdienst zum Thema "Gewalt, über die man nicht spricht" an die alltäglichen Lebensorte gehört, also auch in den normalen Sonntagsgottesdienst einer Kirchengemeinde. In unseren Gottesdiensten haben Themen wie Rassismus und Krieg, Flucht und Hunger, Armut und Ungerechtigkeit ihren Platz. Das Thema "Gewalt gegen Frauen", die Tatsache, dass Kinder sexuell missbraucht und Frauen vergewaltigt werden - sie scheinen in unseren Gottesdiensten nicht zur Sprache zu kommen. Aber Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt passieren und beeinträchtigen, beschädigen und zerstören noch immer ganz alltäglich Leben. Also müssen sie auch in unseren Gottesdiensten vorkommen. Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, benötigen die Solidarität anderer Menschen, auch die Solidarität der Christinnen und Christen. Gewalttäter, die natürlich auch in Kirchengemeinden zu finden sind, müssen hören, dass ihr Tun nicht gebilligt wird und dass ChristInnen sich mit den Opfern solidarisieren und die Umkehr der Täter einfordern. Sprechen von Gewalt in einem Gottesdienst gibt diesem Sprechen noch einmal eine größere Verbindlichkeit, denn es ist ein "Dauerauftrag", den Menschen sich nicht selbst geben können, den sie vielmehr von ihrem Gott haben. Sie können ihn nur zu erfüllen suchen.

Mir hat der Gottesdienst die Hoffnung genährt, dass einmal eine Zeit kommen wird, in der Menschen, die Gewalt erlebt haben und mit den Gewaltfolgen zu leben haben, in ihren Kirchengemeinden vor Ort Asyl, Heimat und Solidarität finden. Ich danke Herrn Dekan Olf, Frau Pfarrerin Frank, Gemeindereferentin Frau Gallinat-Schneider, den Mitgliedern der Bruchsaler Gruppe, den Frauen der Mailingliste von GottesSuche für ihr Mittun in Vorbereitung und Feiern des Gottesdienstes. Ich danke auch jenen Kirchengemeinden der Umgebung, die auf diesen Gottesdienst hinwiesen. Ein herzlicher Dank geht ebenfalls an die Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal, für die es inzwischen selbstverständlich ist, für die Opfer von Gewalt zu beten und die dies auch an diesem Sonntag tat.

Im Folgenden dokumentiere ich die gottesdienstlichen Texte und freue mich über die Zurverfügungstellung der Predigttexte.

I. Einführung in den Gottesdienst

Mein Name ist N.N. Ich arbeite seit über 5 Jahren mit Frauen, Christinnen, die körperliche, seelische oder sexuelle Gewalt in Kindheit, Jugend oder auch als Erwachsene erlebten und bis heute an den Folgen leiden. "Gewalt, über die man nicht spricht" ist das Thema des heutigen Gottesdienstes. Es ist ein schmerzhaftes Thema und dennoch ein notwendiges. Denn die Menschen, die Gewalt erfahren haben oder sich immer noch in Gewaltbeziehungen befinden - sie leben ja mitten unter uns. Zuverlässige Untersuchungen zeigen, dass jedes 7. Mädchen bis 14 Jahre sexuellen Missbrauch erlebt. 37% aller Frauen ab 16 Jahren berichten von körperlicher Gewalt. Über seelische Gewalt gibt es keine zuverlässigen Zahlen. Die Älteren unter uns haben wohl nicht vergessen, wie schwer das Leben mit oft auch sexuellen Gewalterfahrungen des Krieges war. Vielleicht mussten auch sie ein Leben lang darüber schweigen, weil sie niemanden fanden, der es hören wollte.

Die Wahrnehmung von Gewalt in Nahbeziehungen ist schmerzhaft für alle. Für die Betroffenen ebenso wie für die Umstehenden. Solange wir jedoch darüber schweigen, solange müssen auch Betroffene schweigen. Und das Leid dieser Menschen hat ja zwei Ursachen: einmal die Erfahrung der Gewalt und ihrer manchmal lebenslänglichen Folgen. Zum anderen jedoch das Schweigenmüssen über die Gewalt. Damit diese Menschen einen Ort haben, an dem sie sprechen dürfen und gehört werden, müssen wir als Christen und Christinnen lernen, darüber sprechen.

In Bruchsal ist 2003 eine Gruppe Gewaltüberlebender Christinnen entstanden. Sie hat dort in einer Kirchengemeinde eine Heimat gefunden. Frau Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit St. Peter in Bruchsal, begleitet diese Gruppe als Seelsorgerin. Sie steht nach dem Gottesdienst im Gespräch zur Verfügung ebenso wie ich und ebenso wie Frau Pfarrerin Frank aus Schönborn. Auch sie hat das Ende des Schweigens über Gewalt im Nahbereich zu ihrem Anliegen gemacht. Wir sind in diesem Gottesdienst heute Ihre Gäste, weil Herr Dekan Olf uns eingeladen hat. Für diese Einladung danken wir Ihnen herzlich, Herr Dekan.

Uns allen wünsche ich, dass wir diesen Gottesdienst miteinander feiern können in der Gewissheit, dass unser Gott auf der Seite derer steht, die bis heute und auch mitten unter uns Gewalt erleiden müssen. In seinem Sohn Jesus ist er ja selber ein Gewaltopfer.

Die Lesung des heutigen Tages wird uns vor Augen führen, dass bei unserem Gott auch über Gewalt im Nahbereich, in Familien gesprochen werden darf. Die Lesung steht nämlich in unserer Bibel - und dort gehört sie auch hin. Denn bei Gott haben diejenigen, die sonst zum Schweigen verurteilt sind, eine Stimme. Sie dürfen erzählen - und sie werden gehört. Und darum bitte ich Sie: Dass wir miteinander hören, worüber meistens geschwiegen wird. Das Zuhören ist der allererste Schritt, den wir miteinander gehen können, damit das Schweigen ein Ende hat und Menschen, die unter Gewalt und den Folgen der Gewalt leiden, Gehör finden.

II. Kyrierufe

1. Mitten unter uns leben Menschen, die Opfer von Gewalt sind.
Und sie sehnen sich doch nach Angstfreiheit und Frieden.
Deshalb rufen wir zu Dir: Herr, erbarme Dich
2. Mitten unter uns leben Menschen, die anderen Menschen Gewalt antun.
Und sie sollen doch ablassen von ihrem Tun.
Deshalb rufen wir zu Dir: Herr, erbarme Dich
3. Mitten unter uns leben Menschen, die der Gewalt gleichgültig zuschauen.
Und sie sollen doch denen helfen, die keine Hilfe finden.
Deshalb rufen wir zu Dir: Herr, erbarme Dich

III. Lesung 2 Samuel 13,1-22: Die Geschichte Tamars

IV. Evangelium: Lk 13, 10-17 Die Heilung der gekrümmten Frau

V.a. Predigt Herr Jürgen Olf, Dekan von Bruchsal, katholischer Pfarrer in Weingarten/Baden

Es ist verblüffend, wie oft, wenn Jesus Kranke heilt, diese Heilungsgeschichten aufgeladen sind mit einer Symbolkraft, die ins Auge springt. - Steh auf, nimm dein Bett und geh! Ich will, sei rein! Werde sehend. Öffne Dich! Mädchen, ich sage Dir, steh auf, geh, zurück ins Leben.

Immer wieder solche Geschichten. Jesus die Menschen an, er gibt ihnen ein An-Sehen, ja, von einer Minute zur Andern sind diese Menschen in den Blick Gottes und in den Blick der Menschen geraden. Wie wichtig das für Jesus selber war, zeigt sich in seiner Antwort auf den Täufer, der aus seiner sinnlosen Kerkerhaft heraus ihn fragen läßt: "...ob Er es sei, auf den alle warten".

Er sagt ihm auf die Frage, aus der eigentlich das "Tu doch endlich was" herausschreit, nur, was alle sehen: Schau doch, was sich schon tut: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, den Armen wird die Frohe Botschaft gebracht."

Dem Täufer selber hat diese Antwort nichts gebracht. Und doch haben diese Sätze, die Jesus da dem Johannes schickt, unsere Welt verändert. Denn in dieser Welt, in der es nach wie vor das Sterben gibt, Unfälle und Katastrophen, Grausamkeit und Brutalität, in dieser Welt gibt es seither eine Ant-Wort im wörtlichen Sinn, ein Gegen-Wort gegen alle Sinnlosigkeit, ein Wort, wie es einer von uns Menschen sich nicht trauen würde zu sagen, weil ich, als Zeitgenosse von Menschen, die in Verzweiflung geraten sind, denen nicht auf die Schulter klopfen kann, um ihnen womöglich zu erzählen, welchen Sinn ihr Leid vielleicht für andere hat. Ich kann das nicht und will das auch nicht. Aber es gibt für uns Menschen einen Hoffnungsanker, den darf auch ich ergreifen. Wenn Du eine womöglich unheilbare Krankheit bekommst, dann wird eine Deiner ersten Fragen sein: Gibt es irgendwo jemand, der so etwas überlebt hat? Und an dieser Frage klammert sich all Deine Hoffnung fest. Und genau hier ist für mich der Ort, wo die Heilungsgeschichten von Jesus heute hingehören, weil sie allesamt nicht nur Wunder sind, private Heilungen, sondern Handlungen mit einer Vision. Wie beispielsweise die Geschichte von der gekrümmten Frau: Die gekrümmte Frau geht ihren Weg doch durch die Jahrhunderte unserer Menschheitsgeschichte. Und Jesus hat sie aufgerichtet - und uns dies als Dauerauftrag ins Gewissen gebrannt! Er hat sich mit einer Leichtigkeit und Nonchalance aus allem wegbewegt, was zu seiner Zeit im Zusammenleben von Mann und Frau Kultur und Sitte war. Wie damals am Jakobsbrunnen auch. Jene Samariterin, jene Fremde, 7mal verheiratet, - er bittet sie um Wasser, spricht mit ihr, nicht Small Talk, nein, geballte Theologie und sie wird dadurch aufgerichte, sie läuft leichten Schrittes davon und wird, wie später die Magdalena, den andern die Botschaft bringen: "Ich habe ihn gefunden".

Für ihn, für einen einzigen wenigstens war sie nicht die Geschiedene, nicht die Frau mit Vergangenheit, sondern die 7 mal Gescheiterte, die 7 mal Enttäuschte, das Opfer, die Suchende, die Frau mit Herz, mit Leidenschaft, die Frau mit Zukunft. Es lohnte sich, mit ihr zu reden. Hier war ein Leben, in dem sich noch etwas bewegen konnte. -
Sie mich, wie herzlich gern ich das aller Welt erzählen möchte, und denen, die ganz unten sind, zuerst?
(Jürgen Olf, Dekan von Bruchsal, katholischer Pfarrer in Weingarten/Baden)

V.b. Predigt Frau Pfarrerin Dorothea Frank, evangelische Pfarrerin in Bad Schönborn

2 Samuel 13, 1-22

Das Schweigen brechen. Unser Thema heute Abend in diesem Gottesdienst. Das Schweigen brechen. Das wollte auch Tamar. Sie ging zu Absalom, ihrem Bruder. Er sagt zu ihr: Schweig still. Er ist dein Bruder. Nimm dir die Sache nicht so zu Herzen. So hat man zu ihr gesagt. So sagte man zu vielen, die erlebt und erlitten haben, was Tamar erlebt und erlitten hat. Und so sagt man noch heute. Das Schlimmste war, dass ich nicht darüber reden konnte, sagt daher eine Betroffene. Tamar wird die Möglichkeit genommen, ihr Unrecht zu benennen, herauszuschreien, anzuklagen. Worte zu finden für das, was ihr angetan wurde. Sie wird zum Schweigen verurteilt. Ihre Verletzung, ihre Traurigkeit, ihr Zorn, das Unrecht, das er ihr angetan hatte: alles ihre Sache. Sie soll es für sich behalten. In sich einschließen. Und was tut es da drin?

Oft löst es neue Leiden aus. Der Körper streikt. Die Seele vertrocknet. Um Gewalterfahrung zu überwinden und Verwundungen zu heilen, müssen wir sprechen dürfen über das, was uns weh tut, sprechen über das, was uns verletzt hat. Wo das nicht geschehen darf, kann es keine Heilung geben - oder nur schwer. Darum müssen wir das Schweigen brechen. Deshalb ist es Zeit, darüber zu reden, denn auch heute noch heißt es: Das kannst du unserer Familie doch nicht antun. Das Schweigegebot blockiert… und verhindert die Heilung. Schützt den Täter. Das Schweigegebot ist so nochmals eine ganz andere, zweite Art von Gewalt. Darum ist es Zeit, darüber zu reden und sich nicht zu gewöhnen an Gewalt und an Sätze wie: das hat es schon immer gegeben. Es ist Zeit darüber zu reden und zu sagen, dass die Geschichte der Tamar in der Bibel steht. Da hat also einer - und zu dieser Zeit war es beachtenswerter Weise ein Mann - sich nicht gehalten an das Schweigegebot über solche Geschichten. Das darf uns Mut machen, das Schweigen über erfahrenes Unrecht und erlittene Gewalt zu brechen. Und auch die Geschichten der Heilungen und der neuen Anfänge zu erzählen, von denen Herr Dekan Olf sagte, wie herzlich gerne er sie aller Welt erzählt und zuerst denen, die ganz unten sind. Und es ist auch Zeit nachzudenken und zu fragen: Wo ist Gott in dieser Geschichte? Lässt er Tamar alleine? Wie kann Tamar - und Frauen wie sie - wie können sie eine neue Beziehung zu sich, zu Gott und zu den Menschen aufbauen? Fragen. Eine Antwort habe ich nicht. Eine fertige Antwort, die für alle passt, ich glaube, die gibt es nicht. Aber die Geschichte der Tamar ist eine Einladung, das Schweigen zu brechen. Sich nicht zu gewöhnen an solche und andere Gewalt.

Hellhörig zu sein und auch als nicht direkt Betroffene nicht wegzuhören, wo eine wagt, das Schweigen zu brechen. Und - vielleicht kann darin ein Beitrag der Kirchen bestehen - Räume zu schaffen, wo Vertrauen ist und Zeit, zum Zuhören, und nach Worten zu suchen. Das klingt bescheiden. Aber es ist ein Anfang. Vielleicht können uns dabei Worte wie diese Mut machen: Weil du mich niemals aufgibst, Gott, kann auch ich wieder versuchen aufzustehen, weil du dich niemals taub stellst, Gott, kann auch ich alles sagen…
Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen…
Amen.

VI. Fürbitten

Guter Gott! Im Vertrauen darauf, dass Du uns hörst, wenn wir zu Dir sprechen, tragen wir unsere Bitten vor Dich:
1. Wir bitten für die Menschen in unserer Kirchengemeinde und in unserer Nachbarschaft, die körperliche, seelische oder sexuelle Gewalt erleben:
dass sie nicht daran zerbrechen, sprechen lernen und Menschen finden, die ihnen zuhören.
2. Wir bitten für jene Menschen, die von ihrer Gewalterfahrung so zerstört sind, dass sie keine Kraft mehr für die Suche nach gelingendem Leben zu haben scheinen:
dass sie Menschen finden, die ihre Not mit ihnen zusammen aushalten
3. Wir bitten für die Menschen, die in der Nähe und Nachbarschaft erleben, wie ein Mensch Opfer von Gewalt wird oder lange vorher schon wurde:
dass sie Menschen sein können, die vertrauenswürdige Ansprechpartner für Gewaltopfer sind
4. Wir bitten für diejenigen unter uns, die Angst vor Kontakten mit Gewaltopfern haben:
dass sie in der Begegnung mit diesen Menschen erleben, wie sehr diese ihre Solidarität und ihr wohlwollendes Zuhören brauchen
5. Wir bitten für diejenigen unter uns, die lieber wegschauen möchten, wenn sie Gewalt sehen:
dass sie durch das Wegschauen nicht länger Täter unterstützen, sondern den Mut finden, hinzuschauen und sich schützend mit dem Opfer zu solidarisieren
6. Wir bitten für diejenigen, die Gewalt ausüben
dass sie das Zerstörerische ihres Tuns erkennen, umkehren und wieder gut machen, was gut zu machen ist.
7. Wir bitten für uns als evangelische und katholische Kirchen vor Ort
dass bei unseren Zusammenkünften eine Atmosphäre herrscht, in der Menschen, die unter die Räuber gefallen sind, erfahren dürfen, dass sie mit ihrer Not, ihren Kämpfen, aber auch ihren Siegen und ihrem Lebenswillen willkommen sind

Guter Gott, das Fortbestehen von Gewalt und ihren manchmal lebenslangen Folgen verletzt auch Dich, der Du das Heil aller Menschen willst. Bleibe bei uns, damit wir zu Menschen werden, die einander Lasten tragen helfen, damit dein Name unter den Menschen groß werden kann. Amen

Begrüßung ACG-Gottesdienst am 14.10.06

"Lieben heißt, einem Menschen Scham ersparen, seinen Selbstwert und sein Vertrauen wie ein Kostbarkeit zu hüten. Vertrauen ist riskant, es gehört Mut dazu nach den zahllosen Niederlagen im Leben immer wieder neu zu vertrauen." So ein Zitat aus einem Artikel mit der Überschrift: "Worauf du dich verlassen kannst."

Liebe Gemeinde, was aber, wenn dieses Vertrauen nie aufgebaut wurde, wenn Kinder schon bei ihren Eltern nicht die Erfahrung machen dürfen, du kannst dich auf mich verlassen, es ist alles gut? Wie soll untern diesen Umständen ein Vertrauen in Gott entstehen? Zum Teil wird eine lebenslange Suche daraus in Gott und Jesus einen Verbündeten zu finden, der sich dem leidenden Menschen zuwendet, auch wenn sich alle anderen abwenden. Von den Erfahrungen des Abgewiesenwerdens werden wir im heutigen Schrifttext hören. Einer jedoch zeigt Zuwendung. Diejenigen, die sich solidarisch zeigen, verändern sich selbst. "Helfen verändert", so heißt das Thema des heutigen Jahresgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft christlicher Gemeinden, zu dem ich Sie alle ganz herzlich begrüße.

Kinder, die Gewalt im Elternhaus erleben, Mädchen, die Missbrauchserfahrungen durchgemacht haben, haben oft das Problem, dass sie aufgrund ihrer Traumatisierung und aufgrund der Erlebnisse gar kein Grundvertrauen in andere Menschen und in Gott aufbauen können.

Diese Erfahrung habe ich von Frauen mit Gewalterfahrung oft gehört. Hier in Bruchsal haben sich Frauen zu einer Arbeits- und Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Durch diese Frauen habe ich auch von Ihnen, liebe Frau Dr. Haslbeck gehört. Sie haben ihre Dissertation geschrieben zum Thema "Sexueller Missbrauch und Religiösität. Wenn Frauen das Schweigen brechen" und haben in diese Arbeit praktische Berichte von Betroffenen einfließen lassen. Berichte von Frauen, die auf der Suche sind nach Vertrauen, nach Vertrauen in Menschen, in Christinnen und Christen, Vertrauen auch in Gott. Das ist ein Thema, das uns alle angeht.

Daher freue ich mich ganz besonders, Sie, Frau Dr. Haslbeck heute als Predigerin begrüßen zu dürfen.

Bruchsaler Rundschau Nr. 246 vom Dienstag, 24. Oktober 2006 - Seite 14

„Mitleid muss Folgen haben"

Jahresgottesdienst der AG christlicher Gemeinden in Bruchsal

Bruchsal (art). „Wer Gewaltopfern helfen will, muss sich von ihrem Leid berühren lassen", sagte Dr. Barbara Haslbeck von der Katholisch-theologischen Universität Passau in ihrer Predigt beim Ökumenischen Jahresgottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden in Bruchsal (ACG) in der Lutherkirche. „Und das Mitleiden muss Folgen haben, nämlich konkrete Hilfe", führte sie mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter weiter aus.

„Helfen verändert" war das Thema des Gottesdienstes, der von Schauspielern des Amateurtheaters „Koralle" und vom Rainbow-Gospelchor unter Leitung von Bezirkskantorin Dagmar Große mitgestaltet wurde.

Am Gottesdienst wirkten auch Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider für die katholischen Gemeinden mit sowie Prädikantin Waltrude Blaurock von der evangelischen Kirche und Pastor Erich Heß von der evangelisch-methodistischen Kirche mit. „Wenn Jesus in dem Gleichnis einen Samariter einen Missachteten als leuchtendes Beispiel in den Mittelpunkt stellt, dann heißt das, dass er zu den Außenseitern und Verlierern steht", sagte Dr. Barbara Haslbeck.

Durch ihre Dissertation hat Dr. Haslbeck Erfahrungen mit (sexuell) misshandelten Frauen gemacht und beschrieb eindringlich deren Zwangssituation. Durch Hinsehen, Hinhören und Handeln könne den Gewaltopfern geholfen werden. „Ein solches Helfen verändert aber auch uns", sagte Haslbeck. „Es fordert uns heraus, nicht immer nur den geraden und gewohnten Weg zu gehen, sondern trotz aller Widerstände zu hoffen."

Im Anschluss an den Gottesdienst stellte sich die Predigerin im Lutherhaus noch den interessierten Fragen der Gottesdienstbesucher, die davon regen Gebrauch machten.

"Sexueller Missbrauch ist Seelenmord"

Selbsthilfegruppe für Frauen mit Gewalterfahrungen auf der Suche nach Solidarität und Gott

BNN, Bruchsaler Rundschau Dienstag, 17.04.07

Bruchsal (cvr). "Sexueller Missbrauch ist Seelenmord! " Eine Aussage, die seit kurzem in der Bruchsaler Fußgängerzone auf einem Stolperstein steht. Beigetragen wurde der schlichte Stein von der Gruppe "GottesSuche - Gewaltüberlebende Christinnen", einer Bruchsaler Gruppe, die sich mit den religiös-theologischen Folgen der Gewalt gegenüber Frauen beschäftigt.

FRAUEN MIT GEWALTERFAHRUNGEN treffen sich in der Gruppe "GottesSuche - Gewaltüberlebende Christinnen" - hier vertreten durch Marieluise Gallinat-Schneider und Erika Kerstner. Foto: pr

"Das Problem ist, dass Gewalterfahrungen langfristige Folgen haben", erklärt Erika Kerstner, Initiatorin der 2003 gegründeten Gruppe. Wenn man davon ausgehe, dass laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums 37 Prozent der Frauen zwischen 16 und 85 Jahren körperliche, seelische und sexuelle Gewalt erfahren haben und jedes siebte Mädchen sexuellen Missbrauch erlebt, dann würde das in Bruchsal allein zirka 5 000 Betroffene bedeuten, rechnet die dreifache Mutter vor. Von ihnen leide jede Vierte an posttraumatischen Symptomen wie Depressionen, Alpträume oder "Flashbacks" bei denen das Erlebte auch nach Jahren sich wieder im Bewusstsein der Betroffenen plötzlich "abspielt". 

Oftmals wird den Opfern von ihrem Umfeld die Schuld an der Gewalt zugeschoben. Häufig machen sich bei Betroffenen Gefühle bemerkbar, wie "Ich gehöre nicht mehr dazu", denn durch die Gewalt wird die Welt der Opfer auf den Kopf gestellt. "Frauen berichten von über Jahre dauernde Folterszenen in Reihenhäusern der Großstädte", so Kerstner. Andere können erst nach Jahrzehnten über das mit ihnen Geschehene überhaupt sprechen.

Monatlich treffen sich Frauen jeden Alters, die das durch Gewalterfahrungen zerstörten Urvertrauen suchen. "Glaube ist Vertrauenssache," betont Marieluise Gallinat-Schneider, Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit St. Peter, die die Gruppe mitbetreut. "Wir versuchen, die Vertrauensbasis wieder herzustellen. Diese Frauen mussten die Erfahrung machen, dass niemand ihnen zur Hilfe kam, auch Gott nicht." Sie selbst sei dadurch motiviert, dass für viele die "heile Welt" des christlichen Glaubens nicht zu den persönlichen Erfahrungen gehöre. Man könne nicht Gott als "guten Vater" verstehen, wenn der eigene Vater einen geschlagen oder gar missbraucht habe.

Das Bedürfnis nach Glaube sei unheimlich heftig für Betroffene, ergänzt Erika Kerstner, die die meisten Kontakte über das Internet pflegt. Für das "niederschwellige" und absolut anonyme Medium als Plattform entschied sie sich im Jahr 2002, damals über die Homepage von Pfarrer Jörg Sieger. Inzwischen würden Frauen aus ganz Deutschland das Angebot des Chats oder der Mailingliste annehmen. Frauen aus der Umgebung aber auch von weiter her wie Bayern oder' dem Ruhrgebiet fänden sich dann auch zu den Treffen ein. Der Treffpunkt würde nur denen bekannt gegeben, die mit Erika Kerstner ein Vorgespräch geführt haben. "Es ist wichtig, dass wir wissen, welche Erwartungen die Frauen haben", so Kerstner, die auch auf die Anonymität der Gruppe hinweist. Informationen (wie Predigten oder geistliche Impulse) erhalten interessierte Frauen auf Anfrage, auch wenn sie über keinen Internetanschluss verfügen. Durch Vorträge und besondere Gottesdienste weise man immer wieder auf die Gruppe hin.

"Wir sind keine psychologische Gruppe. Ich bin seelsorgerisch und nicht psychologisch tätig, aber die Gruppe ist eine Selbsthilfegruppe auf religiöser Basis", stellt Gallinat-Schneider fest. "Wir sind auf der Suche nach Gott und hoffen, dass Gott auch auf der Suche nach uns ist. " Generell sei das Thema "sprachfähiger" geworden, dennoch "brauchen wir die Solidarität der Kirche und der Öffentlichkeit". Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.gottes-suche.de oder unter Telefon (0 72 49) 15 61. 

Evangelischer Kirchentag vom 06.-10.06. 2007

Am 9. Juni fand auf dem Evangelischen Kirchentag von 11-13 Uhr im Frauenzentrum der Thomaskirche, Lentstr. 1, eine Podiumsdiskussion zum Thema "Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater" statt. Untertitelt war diese Veranstaltung: Welche Verantwortung haben Theologie und Liturgie bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen? Pastorin Daniela Hammelsbeck eröffnete die Diskussion mit einem Text von Carola Moosbach. Danach gab es ein Saxophonsolo. Im Anschluss gaben Astrid Peter (Germanistin und freie Bildungsreferentin, Leverkusen) und Dr. Barbara Haslbeck (Katholische Theologin, Passau) ihre Statements ab. Barbara Haslbeck nannte die Zahlen der betroffenen Frauen und Mädchen und skizzierte die Probleme, die sie im Raum von Kirche haben. Nach den Kurzreferaten wurde die Diskussion, die von Dr. Angela Maas (Journalistin, WDR Köln) moderiert wurde, eröffnet. Da Dr. Margot Käßmann (Bischöfin der ev. luth. Landeskirche Hannover) und Frauke Mahr (LOBBY FÜR MÄDCHEN - Mädchenhaus Köln) vorher noch nicht zu Wort gekommen waren, wurden zunächst die beiden kurz befragt, was die Eingangsimpulse in ihnen ausgelöst hatten. Bischöfin Käßmann betonte, dass sie sensibel für dieses Thema sei, aber natürlich nicht bei jedem Gottesdienst und jeder Veranstaltung immer an die Opfer denke, so dass die Zahlen ihr noch mal neu vor Augen geführt hatten, wie viele möglicherweise betroffene Frauen in jedem Gottesdienst anzutreffen sind. Aber auch sie musste zugeben, dass in der Ausbildung dieses Thema nicht vorkommt, sondern erst die konkrete Gemeindearbeit dafür sensibilisiert. Auf diesen Punkt wies auch Frau Dr. Haslbeck in ihrem Eingangsreferat hin, in dem sie Bilder von Gott ("dem Allmächtigen") und der Heiligen Familie zeigte. Wenn wir in der Liturgie und Seelsorge mit solchen Bildern arbeiten, schrecken wir die Opfer ab. In der Ausbildung weist uns niemand darauf hin, im Gegenteil, es werden solche Bilder bedient und erst in der Arbeit mit Betroffenen lernen wir, was dies auslöst. In der Diskussion wurde immer wieder betont, auf Seiten der Opfer zu stehen, so wie Jesus sich mit den Opfern solidarisch zeigte. Es wurde auch angesprochen wie patriarchalisch die Sprache in Liedern, Gebeten und Bibeltexten sein kann. Frau Dr. Käßmann sprach in diesem Zusammenhang auch die Bibel in gerechter Sprache an und die Notwendigkeit, dass heute neue Zugänge zu biblischen Texten eröffnet werden. Nach einer Pause wurde die Diskussion um das Publikum erweitert, an jedem Platz lag ein Zettel, so dass Fragen und Statements aufgeschrieben werden konnten. Eröffnet wurde die allgemeine Gesprächsrunde durch Pastorin Christina Schlarp die noch einmal auf die Problematik der liturgischen Sprache hinwies. Vielfach wurde auf das "Vater unser" und " Gott, der allmächtige Vater" aus dem Credo als für Opfer unmögliche Wortwahl hingewiesen. Natürlich kam auch hier, wie überall, die Täterseite zur Sprache, aber sie lenkte nur für einen kurzen Moment ab, dann wurde wieder über die Opfer gesprochen und am Ende zeigten sich alle darin einig, verstärkt die Probleme der Opfer, einen Zugang zu Gott zu finden, in den Blick zu nehmen und aus der Veranstaltung einen verschärften Blick hierfür mitzunehmen. Abgerundet wurde die Podiumsdiskussion wieder mit einem Text von Carola Moosbach und einem Musikstück. 

Im Anschluss hatte man uns die Möglichkeit eines Standes bzw. Büchertisches eingeräumt, wo wir auf "GottesSuche" hinweisen konnten. Es hat mich gefreut, dass wir dort auch druckfrisch die Dissertation von Barbara Haslbeck anbieten konnten. Es gab viele interessante Gespräche und Begegnungen an unserem Tisch. Auch Listenfrauen schauten vorbei, so dass aus Namen Gesichter und Menschen wurden. Ich hatte den Eindruck, die Atmosphäre in diesem Frauenzentrum machte deutlich, dass die Problematik gewaltüberlebender Frauen hier einen Platz hatte, dass die Opfer willkommen waren und Frauen auch den Mut hatten, über ihre Erfahrungen zu reden.

Ich bin froh, mit in Köln gewesen zu sein und diese Veranstaltung sowie den ganzen Tag erlebt zu haben und wünsche mir, dass "unsere" katholische Kirche sich dieses Themas verstärkt annimmt und wir auch unter den Seelsorgerinnen und Seelsorgern mehr Menschen finden, die wie Bischöfin Käßmann die Opfer im Blick haben und in ihrer liturgischen Sprache sorgfältig auswählen, welche Begriffe sie verwenden.

Arbeitshilfe Bischofskonferenz mit Gottesdienst in Weingarten und Bericht über Bruchsaler Gruppe

Es freut mich, dass die Arbeit in der Arbeitshilfe zum Umgang mit häuslicher Gewalt gegen Frauen in Gemeinde, Frauenseelsorge, Männerseelsorge und kirchlicher Bildungsarbeit der Arbeitstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz aufgenommen wurde. Ich füge hier den Artikel darüber aus dem Konradsblatt, unserer Bistumszeitung an. Es enttäuscht mich allerdings, dass nicht erwähnt wird, dass der Gottesdienst, der ausdrücklich genannt wird, aus unserer Diözese ist. Die Frauen erfahren immer wieder, dass das Thema schwierig ist:

Artikel im Konradsblatt Nr. 45, 91. Jahrgang, Karlsruhe 11.11.2007, S.18

"Kein Schicksal!"

Hinsehen und aufstehen: Aktionen gegen Gewalt an Frauen

Neue Arbeitshilfen und Kampagnen zeigen, wie Frauen und Männer das Tabuthema "häusliche Gewalt" tatkräftig angehen können.
Von Brigitte Böttner

"Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen, sondern findet mitten in der Gesellschaft statt", weiß Ursula von der Leyen (CDU). Zuhause, im vermeintlichen Schutz der eigenen vier Wände, verübt von Ehemännern, Lebensgefährten oder männlichen Verwandten.

Alles Fälle von "schweren Menschenrechtsverletzungen", welche die Frauen- und Familienministerin der Bundesregierung nicht hinnehmen kann und will. Zumal von der "schweren Hypothek" derartiger Erlebnisse auch die nachfolgende Generation in Mitleidenschaft gezogen wird -Kinder, die Gewalt in der Familie miterlebten. Wer im Elternhaus keine Gleichberechtigung der Eltern erfahre, neige später in einer Beziehung häufig selbst zu Gewalttätigkeit, so von der Leyen.

Acht Jahre nach einem ersten Aktionsplan zur "Gewalt gegen Frauen" hat die Ministerin nun vor wenigen Wochen ein neues Anti-Gewalt-Programm vorgestellt, das besseren Schutz und Sicherheitsvorsorge bieten und für eine klarere Rechtsprechung sorgen soll. Geplant sind demnach auch weitere Forschung zum Thema sowie internationale Zusammenarbeit.

Auch kirchliche Fraueneinrichtungen, seit Langem sensibel gegenüber dem Tabuthema "häusliche Gewalt", haben in der jüngeren Vergangenheit verschiedene Aktionen gestartet, um auf die erschreckenden Ausmaße und die schier unglaubliche Alltäglichkeit des Phänomens aufmerksam zu machen.

Gewalterfahrung und Gottessuche ins Wort gebracht

So etwa die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die mit der Kampagne "Häusliche Gewalt ist kein Schicksal! Suchen Sie Hilfe!" schon im Frühjahr auf den Plan trat - vor allem, um Betroffene zu motivieren, sich rechtzeitig Hilfe und Unterstützung zu suchen.
"Denn noch immer scheuen sich Opfer viel zu häufig bestehende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen", heißt es seitens der kfd. "Dabei kommt häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten vor, trifft jede vierte Frau."

"Wir dürfen als Frauen und Männer in den Gemeinden davor nicht die Augen verschließen!", fordern auch Hildegund Keul und Andreas Ruffing, deren Arbeitsstellen für Frauen- beziehungsweise Männerseelsorge kürzlich ebenfalls eine Arbeitshilfe zum Problem vorgelegt haben. "Gemeinsam gegen Gewalt" lautet der Titel des Readers für die kirchliche (oder persönliche) Bildungsarbeit zum Umgang mit häuslicher Gewalt gegen Frauen. Darin finden sich unter anderem theologische Beiträge, die den Einsatz gegen Gewalt im Privatumfeld auf dem Hintergrund biblischer Erfahrungen und jeweils aus Frauen- und Männerperspektive beleuchten.

Der Praxisteil der Arbeitshilfe bietet außerdem ökumenische Gottesdienstmodelle, ein Entwurf, den eine Selbsthilfegruppe gewaltüberlebender Frauen gestaltet hat, in dem somit direkt Betoffene "mit ihrer Gottessuche"  zu Wort kommen. Selbstredend werden neben Literaturhinweisen und Tipps für eigene Veranstaltungen zum Schluss wichtige Adressen, Telefonhotlines und Internetangebote aufgelistet, mittels derer betroffene Frauen und Männer Hilfe finden können.

Zum Weiterlesen

Die Arbeitshilfe "Gemeinsam gegen Gewalt" ist erhältlich bei der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiser-Friedrich-Str. 9, 53113 Bonn, Telefon 2439-411, E-Mail: info@frauenseelsorge.de

2010

Missbrauch

Ich will und kann hier gar nicht wiedergeben, was nun, nachdem das Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche, aber auch anderswo, aufgedeckt wurde, an Diskussionen erfolgt und an Beiträgen geschrieben wird. Mit Stolz erfüllt mich jedoch, dass Erika Kerstner als unermüdliche Mahnerin zum Thema einen bemerkenswerten und viel geachteten Artikel veröffentlicht hat: http://www.evangelisch.de/themen/gesellschaft/missbrauch-die-opfer-werden-mit-keinem-wort-erwaehnt14169

Ansonsten ist nun offengelegt, was schon lange für uns, die wir mit diesem Thema arbeiten, klar war, es gibt unsäglich viele Opfer, viel mehr Täter, als vielen bewusst war und einen großen Schaden für die katholische Kirche. Hätte sie doch vorher die Täter benannt und nicht gedeckt, hätte sie letztendlich Schaden verhütet, damals meinte man jedoch, durch Schweigen die Kirche unbefleckt da stehen zu lassen. Dadurch wurde den Opfern unglaubliches Leid zugefügt, was mich mit großer Scham erfüllt.

Eucharistiefeier 

So. 18. Juli 2010
10:30 Uhr
Karl-Rahner-Haus
Hirschstraße 103
Karlsruhe

Thema:
"... die unter die Räuber gefallen sind."

Erika Kerstner und ich wurden eingeladen, einen Gottesdienst von "Wir sind Kirche" mit zugestalten. Anhand des Evangeliums Lk 10, 35-39 haben wir uns angeschaut, wie der barmherzige Samariter mit dem Mann umgeht, der unter die Räuber gefallen ist. Der Bibeltext ist ein Text, der von Opfern spricht. Daher ist er geeignet, uns in diesem Gottesdienst die Rolle Jesu, der immer auf Seiten der Opfer stand, zu verdeutlichen. In einem Text von Pierre Stutz, der mir letzthin in die Hände fiel, las ich 

...nie vergessen
die Wundmale unserer Zeit
weil das Ethos einer Gesellschaft
sich auszeichnet
im Umgang mit den Ohnmächtigsten
Denk mal
in der Solidarität mit den Schwächsten
gegenseitig Stärke entwickeln

Ja, ich denke, das ist es, eine Gesellschaft die sich dadurch auszeichnet, wie sie mit den Ohnmächtigsten umgeht, welche Solidarität mit den Schwächsten sie entwickelt. Dadurch wird eine Gesellschaft wirklich stark oder wie ein Buchtitel von Barbara Haslbeck sagt "Wer hilft, wird ein anderer". So sollte es sein. Und die Kirche versagt in dem Bereich leider momentan auf ganzer Linie. Wo sind die barmherzigen Samariter, die die nicht vorbeilaufen? Oft kommt es mir so vor, als seien wir wieder die Gesellschaft der Priester und Leviten, die wegsieht statt zu helfen. Kirche als abgeschottetes System verweigert auch die Hilfe, die Menschen sehen weg und gehen weiter, statt die, die unter die Räuber gekommen sind, mit ihrer Solidarität zu unterstützen.  Ich habe letzthin in einer Predigt die Forderung gehört, wenn wir das Gleichnis Jesu wirklich begreifen, steht am Ende vielleicht mal in der Zeitung: "wir sind Samariter".

Es gab ein reges Gespräch im und nach dem Gottesdienst, viele Fragen, viele nachdenkliche Stimmen, Stimmen von Betroffenen. Wir haben im Lied gesungen, "Geschunden die einen und wir andern leben und wir leben nicht schlecht". Es wurde wieder einmal deutlich, dass wir als Christen nur gut leben, wenn wir uns auf die Seite der Geschundenen stellen. Das Thema ist eben nicht mit ein paar pauschalen Entschuldigungen von Kirchenmännern erledigt. Noch erwecken viele den Eindruck, sie schämen sich, weil die Opfer ihr Leid publik machen, dabei sollten die Menschen sich schämen, weil die Täter diese Taten begangen haben! 

2012

Durch die schlechte Presse im Jahr 2010 hat sich innerhalb der Kirche doch einiges geändert und das Thema "Mißbrauch" kann nicht länger verschwiegen und ignoriert werden. Erika Kerstner wurde daher immer wieder angefragt, über ihre Arbeit zu berichten. Und, sie wurde von der Juristin und Schriftstellerin Carola Moosbach für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen. Im November 2011 kam die Bestätigung, dass sie es tatsächlich bekommen wird, was uns alle erstaunt und erfreut hat. Am 28. Januar 2012 haben wir uns im Rathaus von Stutensee-Blankenloch versammelt, wo der Oberbürgermeister ihr diesen Orden verlieh. Erika bat mich, eine Rede zu halten, was ich gerne tat. Nach der Laudatio von Dr. Barbara Haslbeck habe ich einige persönliche Worte an Erika gerichtet:

Rede für Erika Kerstner anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 28.01.12


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitfeiernde, liebe Erika,

wir lernten uns 2002 kennen. Du warst damals frisch in unsere Pfarrei gekommen, weil Du auf der Suche nach einer für Dich passenden Gemeinde warst. Ich durfte damals noch etwas, was seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt ist, nämlich die Ansprache in einem Jugendgottesdienst halten. Es ging um das Thema Frauen.
Das war der Anfang, das leidvolle Thema "Frauen in der Kirche". Über Frauenarbeit lernten wir uns dann etwas besser kennen und 2003 fragtest Du mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine Gruppe von gewaltüberlebenden Frauen, die Du in Bruchsal gründen wolltest, seelsorgerlich zu begleiten. Ich habe ja gesagt, obwohl ich keine Ahnung hatte, was auf mich zukommt und ich keine Fortbildungen zu diesem Thema besucht hatte. Ich habe einfach versucht, da zu sein, Mensch zu sein, zuzuhören, mitzuleiden.

Ich habe bei Carola Moosbach, die ich so auch mit in diese Feier hineinnehmen möchte, weil sie diejenige war, die die Initiative ergriff und Erika Kerstner für das Bundesverdienstkreuz vorschlug und die nun wenigsten gedanklich dabei sein sollte, einen Text gefunden, der viel über eine solche Gruppe aussagt. Er lautet:

"Spurensuche
(Für eine Selbsthilfegruppe)
Da sitzen wir Wunde an Wunde
Schmerz an Schmerz
da sitzen wir teilen
Hoffnung und Tränen
Wut und Kraft
da sitzen wir suchen
Wege und Spuren
verbrannte Träume
da sitzen wir finden
Leben"

Soweit der Text aus dem Buch Himmelsspuren, Gebete durch Jahr und Tag

Ja, so habe ich es auch erfahren. In der Gruppe gab es Gespräche, die kaum auszuhalten waren, da gab es Trauer, Leid und Tränen, aber es gab auch ganz viel Leben. Fast jedes Mal wird auch ein Witz erzählt, es wird gelacht. Wir leiden miteinander, wir teilen Leben miteinander. Es gehört zum Leben dazu, dass Leid auszuhalten. Das zeichnet Dich, liebe Erika, aus, dass Du zu den Menschen gehörst, die es aushalten, wenn Menschen die ganz schwierigen Dinge erzählen und nicht nur die oberflächlichen.

In dieser Gruppe hast Du auch immer wieder von Deinem Engagement für die Gewaltarbeit erzählt. Das ist etwas, was Dich auch auszeichnet und weshalb ich meine, dass Du das Bundesverdienstkreuz verdient hast, Du bist beharrlich. Wenn ich jemanden etwas frage und es heißt "nein", ziehe ich mich zurück. Du hast auch nach dem zweiten, dritten, vierten, fünften Nein weitergemacht, hast Anfragen gestellt, Mails, Briefe, Gespräche, Telefonate geführt, um der Sache willen. Das bewundere ich an Dir.

Ich war neben der Begleitung der Gruppe auch dafür zuständig, Türen innerhalb der Kirche zu öffnen, damit das Thema dort präsent wird. So haben wir 2005 im Konradsblatt, unserer Kirchenzeitung, einen Artikel gehabt, in dem wir interviewt wurden, im gleichen Jahr war ich auf einer Fortbildung zum Thema "Traumaarbeit in der Seelsorge". Da hatte man das Thema eigentlich nicht eingeplant, aber ich brachte es in der Vorstellungsrunde mit ein, als ich meine Arbeit mit traumatisierten Frauen vorstellte. Ich habe dann gespürt, wie unangenehm das Thema ist, auf was ich mich da eingelassen habe, niemand will eigentlich davon hören. Egal ob Frauenreferentinnen, kirchliche Stellen für Hilfesuchende, alle waren sehr distanziert. Dennoch haben wir weitergemacht, 2006 gab es in Weingarten einen Gottesdienst, im Spätjahr ebenso einen Gottesdienst in der Lutherkirche mit Frau Dr. Barbara Haslbeck. 2007 hat der Caritasverband Bruchsal die Aktion Stolpersteine durchgeführt, im selben Jahr war Kirchentag in Köln, wo es eine Podiumsdiskussion zum Thema gab, bei der Barbara Haslbeck auch Referentin war und wir im Anschluss gute Gespräche an unserem Stand hatten.

Dann kam das Jahr 2009. Wir veranstalteten in der Pfarrei eine Aktion zu unserem Jahresthema mit dem Propheten Amos, von dem viele auch nichts hören wollten, weil er für soziale Gerechtigkeit steht. Du, liebe Erika, hast es geschafft, Dein Thema, den Mißbrauch von Frauen, mit hineinzunehmen in die Abende. Beim Abschlusswochenende sollten einige eine Bibelarbeit mit einer Stelle machen, die ihnen besonders viel bedeutet. Du hast Tamar eingebracht, die Frau, die in der Bibel als Vergewaltigungsopfer steht. Überhaupt sind es 2 Bibelstellen, die die Arbeit immer wieder begleitet haben. Tamar aus dem Alten Testament und der barmherzige Samariter aus dem Neuen Testament, der Mann, der nicht wegsieht, sich auf die Seite der Opfer stellt, sich mit ihnen solidarisiert. Dein Glaube ist das Fundament, mit dem Du es geschafft hast, diese Arbeit überhaupt zu machen.

Durch den Amosprozess habe ich bei Dir eine Veränderung gespürt. Du warst plötzlich den Kinderschuhen entwachsen und hattest Bergschuhe an, mit denen Du losstürmtest, mich nicht mehr brauchtest, um Gespräche mit offiziellen Stellen zu führen, sondern Du trautest Dich alleine, Du hattest den Mut ohne Hilfe zu diesem Thema zu stehen.

Bei der Arbeit habe ich zusätzlich auch noch mehr als vorher begriffen, wie wichtig eine sensible Sprache ist, wie wichtig es ist, keine männlich dominierte oder gewaltverherrlichende Sprechweise zu verwenden. Ausdruck davon ist auch die Tatsache, dass die Gruppe Gottessuche im Projekt zur Erstellung der Bibel in gerechter Sprache die Patenschaft für einen Teil des Buches der Psalmen übernommen hat. Als ich auf einer Fortbildung zu diesem Thema war, war ich dank dir, Erika, die Du mich von Anfang an in den Prozess der Entstehung dieser Bibel mit hineingenommen hast, eine der wenigen, die diese Bibel kannte und hatte.

Nun kam das Jahr 2010, das alles veränderte? Wirklich? Zumindest war es der katholischen Kirche klar, dass es gut ist, wenn sie Mißbrauchsopfer hört, mit ihnen redet und sie zu Wort kommen lässt. So bist Du, liebe Erika, in diesem Jahr, in dem das Ausmaß dessen, was wir, die wir schon lange auch mit Opfern kirchlicher Täter arbeiteten, ahnten, zu Tage trat, endlich eingeladen worden, endlich angefragt worden bist und Du durftest Stellung nehmen zu Deinem Thema. Ich befürchte zwar, es ist eher geschehen, weil Kirche nun auch eine gute Presse braucht und es sich nicht leisten kann, zu diesem Thema weiter zu schweigen und nicht aus ehrlichem Herzen, weil ein Veränderungsprozess im Denken entstanden ist. Aber endlich gab es nicht nur Ablehnung.

Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin mit diesem Thema Gehör findest, dass Du weiterhin den Mut hast, für die Frauen zu kämpfen, ihnen eine Stimme zu verleihen und gratuliere Dir ganz herzlich zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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