Wie kommuniziert man?

Eigentlich ist es schon so etwas wie eine Binsenweisheit, dass die Art und Weise unseres Sprechens die häufigste Quelle von Missverständnissen darstellt. Häufig sind einige Zusammenhänge dabei allerdings wenig bewusst.

Direkte und indirekte Kommunikation

Menschen, die in Deutschland etwa groß geworden sind, denken meist wenig darüber nach, dass ihre Direktheit häufig als brüsk oder gar verletzend empfunden wird. Die unverblümte Art, unmittelbar zur Sache zu kommen, wird in romanischen Kulturen oft sogar als plump empfunden.

Pieter Bruegel d. Ä. - Turmbau zu Babel
ältestes Symbol der Sprachverwirrung unter den Menschen

Was wir für "normal" halten, ist weltweit betrachtet die große Ausnahme und lediglich in Mittel- und Nordeuropa und - mit Abstrichen - in den Vereinigten Staaten üblich. Die große Mehrzahl der Menschen kommuniziert indirekt. Dazu gehört, dass man sich mit Kritik zurückhält und es vermeidet, wirklich ausdrücklich "Nein" zu sagen. Man umschreibt viel eher äußerst blumig und geht davon aus, dass das Gegenüber schon begreifen wird, dass man eigentlich nicht möchte. Umso tragischer, wenn die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner es dann partout nicht merken.

Manche Sprachen, wie etwa das Chinesische, verwenden oder kennen nicht einmal ein eigenes Wort für "Nein". Es wäre einfach unhöflich direkt "Nein" zu sagen. Um den Anstand zu wahren, muss man mehr oder minder umständlich umschreiben.

Gerade im Blick auf Flüchtlinge aus dem arabischen Raum bereitet diese unterschiedliche Kommunikationsweise häufig große Schwierigkeiten und ist eine Quelle von Missverständnissen zwischen ehrenamtlichen Helfern und Geflüchteten. Zumal noch hinzukommt, dass das Wörtchen "Ja" in anderen Kulturen oft ganz anders verwendet wird als bei uns. Menschen, die direkte Kommunikation pflegen, meinen, wenn Sie "Ja" sagen: "Ich stimme Dir zu!" Wer allerdings gewohnt ist, indirekt zu kommunizieren - und das trifft für viele Geflüchtete aus dem arabischen Raum zu -, bringt durch das Wort "Ja" nichts anderes zum Ausdruck als: "Ja, ich habe Dich verstanden!" Wer darum nicht weiß, ist leicht enttäuscht, wenn mein Gegenüber etwas einfach nicht tut, obwohl er doch ausdrücklich "Ja" gesagt hat, als ich ihm ausführlich erklärt habe, was es jetzt zu machen gilt.

Aushänge in mehreren Sprachen

In vielen Einrichtungen bemühen sich die Verantwortlichen, Missverständnisse dadurch zu vermeiden, dass man entsprechende Hinweise - häufig in mehreren Sprachen - an zentralen Orten aushängt. Man geht dann davon aus, dass sich jede und jeder nun informieren kann und wichtige Verhaltensregeln oder Termine dadurch allgemein bekannt sind. Dabei wird vergessen, dass es Regionen auf dieser Erde gibt, in denen Menschen einfach nicht lesen - vor allem keine Aushänge. Das hängt nicht damit zusammen, dass sie Analphabeten wären. Vor allem Menschen, die in Diktaturen groß geworden sind, haben vielmehr über Jahrzehnte hinweg die Erfahrung gemacht, dass offizielle Aushänge lediglich die Sicht der jeweiligen Machthaber transportieren. Wer wirkliche Informationen suchte, fand sie nicht in Texten. Er war darauf angewiesen vertrauenswürdige Menschen zu fragen. Was sich aber in langen Jahren so tief eingeprägt hat, legt man nicht von einem Monat auf den anderen wieder ab.

Der Teufel steckt im Detail

Um Missverständnisse zu vermeiden benutzt man gerne Piktogramme. Die kleinen Bildchen versprechen allgemein verständlich zu sein. Missverständnisse ließen sich so auf ein Mindestmaß reduzieren. Ganz unabhängig davon, dass auch solche Zeichen häufig sehr unterschiedlichen Deutungen obliegen, steckt auch hier der Teufel manchmal im Detail. Folgende Geschichte macht dies sehr schön deutlich. Ich kann sie nicht verifizieren, aber wenn sie tatsächlich so nicht stattgefunden haben sollte, dann wäre sie hervorragend erfunden. Weil sie aber so vieles so einfach deutlich macht, sei sie hier ganz unkritisch übernommen.

Es handelt sich dabei um eine Werbekampagne eines großen Pharmakonzernes. Und es soll dabei um ein Schmerzmittel gegangen sein. Die Konzernleitung suchte nach einer Möglichkeit, die Wirkung des Medikamentes auf einfachste Weise und möglichst ohne Worte deutlich zu machen. Eine Werbeagentur kam auf die genial scheinende Idee diese Wirkung mittels Smileys zu illustrieren.

Die Begeisterung war groß. So einfach konnte man eine Geschichte erzählen: Es geht dir schlecht - du nimmst die Tablette - und dann geht es dir einfach wieder blendend.

Mit großem finanziellem Einsatz wurde die Kampagne gestartet. Und sie wurde ein völliger Reinfall. Unsummen hatte man in den Sand gesetzt. Die Kampagne war nämlich gedacht für den arabischen Markt.

Sehen Sie es schon? Lesen Sie von rechts nach links! Es geht dir gut - du nimmst die Tablette - und plötzlich geht es dir besch...

Ein gutes Beispiel dafür, welch fatale Folgen es haben kann, wenn man nicht berücksichtigt, dass Dinge, die für uns völlig normal sind, in weiten Teilen der Welt absolut nicht selbstverständlich sind. Nur für wenige Sprachen und Kulturen gilt, dass man von links nach rechts liest und Geschichten deshalb auch von links nach rechts gezeichnet werden. Weder im arabischen noch im fernöstlichen Bereich kann man dies einfach so voraussetzen.

Kommunikation ist aber noch weit mehr als Sprache und Worte. Mimik, Gestik, Blick- und Körperkontakt beeinflussen das Verstehen oder das Missverstehen unter den Menschen. All diese Bereiche bedürfen einer gesonderten Betrachtung.

Dr. Jörg Sieger

Anmerkungen

1) Vgl.: Stefan Müller / Katja Gelbrich, Interkulturelle Kommunikation (München 2014) 23.

2) Auch die Lateinische Sprache hat übrigens kein eigenes Wort für "Nein". Vgl. auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Nein (abgerufen am 20.1.2017)

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