Wir haben es alle gewusst!

"Der Marsch" Szenenfoto - © BBC 1990

Es ist über fünfundzwanzig Jahre her, dass ich im Fernsehen den Film "Der Marsch" gesehen habe. Er hat mich damals ungeheuer beeindruckt.

Er handelt von Issa al Mahdi, einem charismatischen Afrikaner, der mit hungernden Menschen aus seinem Heimatland aufbricht. Sein Ziel ist Europa. Er ist voller Hoffnung, dass die reichen Europäer diese Menschen nicht sterben lassen, wenn sie erst vor ihnen stehen.

Es sind Hunderte, die sich seiner Gruppe anschließen. Tausende sind es, als sie durch den Trockengürtel Nordafrikas ziehen, und Zehntausende, als sie endlich das Mittelmeer erreichen. Und als sie in Nussschalen über die Straße von Gibraltar übersetzen, werden sie in der Festung Europa von schwerbewaffneten Soldaten erwartet.

Als der Film im Jahre 1990 im Hauptprogramm der ARD nach der Tagesschau ausgestrahlt wurde, gab es im Anschluss daran eine live übertragene Diskussionsrunde. Dabei wurden die Geschehnisse als unrealistische und viel zu negative Zukunftsvision kritisiert. Die Wirklichkeit hat diese Vision schon lange eingeholt und sie hat sie letztlich bei weitem übertroffen. Weltweit sind augenblicklich über 20, vielleicht sogar bis zu 60 Millionen Menschen auf der Flucht - vor Hunger, Krieg, vor Klimakatastrophen - überraschend ist das nicht, zumindest nicht für all diejenigen, die mit wachen Augen die politische und die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre verfolgt haben.

"Der Marsch" Szenenfoto - © BBC 1990

Wen wollte es auch verwundern, dass Menschen in großer Zahl den Aufbruch wagen, wenn es vor Ort keinerlei Perspektive mehr gibt - und das nicht zuletzt, weil für die großen Unternehmen diese Regionen wirtschaftlich schlichtweg nicht interessant sind? Gerade Deutschland hat doch in den zurückliegenden Jahrhunderten erlebt, wie aufgrund eklatanter wirtschaftlicher Not Tausende gezwungen waren, ihr Glück als Donauschwaben im Banat zu versuchen oder nach dem Zweiten Weltkrieg in Brasilien neu zu beginnen.

Und wie überrascht kann man sein, dass es Menschen in ihrer Heimat nicht mehr aushalten, wenn dieselbe über Jahre und Jahrzehnte hinweg politisch destabilisiert wird - und das nicht zuletzt durch ausländische Mächte, die aufgrund eigener Interessen Machthaber stützen und stürzen, wie es gerade ins jeweilige Konzept passt. Wie viele kriegerische Auseinandersetzungen hatten offiziell das Ziel, die Lebensumstände von Menschen - insbesondere von Frauen - zu verbessern und die "Segnungen der Demokratie" zu bringen, und dabei ging es eigentlich um kaum etwas anderes, als die Sicherung des Zuganges zu den großen Ölförderregionen dieser Erde .

Und braucht es wirklich ein Höchstmaß an Intelligenz, um sich ausrechnen zu können, dass Menschen nicht still in den unzähligen Flüchtlingslagern rund um den Erdball sitzen bleiben, um darauf zu warten, letztlich zu verhungern, nachdem dem Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) die Mittel ausgegangen sind, diese Menschen menschenwürdig zu versorgen? 1,8 Milliarden Euro waren UNHCR für den Nothilfe-Treuhandfonds für Afrika von der EU-Kommission zugesagt worden. Im Oktober 2015 waren lediglich 24,3 Millionen Euro davon realisiert, wobei 8,9 Millionen allein von den Nicht-EU-Ländern Norwegen und der Schweiz stammen. Deutschland hatte bis zu diesem Zeitpunkt - ebenso wie Frankreich, Großbritannien und Österreich - überhaupt keine Mittel für diesen Zweck bereitgestellt.

Nicht anders läuft es, was die Versorgung der Millionen Flüchtlinge aus den Krisengebieten des Nahen Ostens betrifft. Es waren letztlich die gekürzten Hilfszahlungen des Westens - auch der Bundesrepublik Deutschland - für die Flüchtlingslager in Jordanien, der Türkei und dem Libanon, die den "Marsch" der Flüchtlinge nach Europa ausgelöst haben. Es war nicht zuletzt kurzsichtige Politik. Eigentlich hätte man sich das ausrechnen können. Eigentlich hätte man das wissen können. Eigentlich haben es alle gewusst.

Dr. Jörg Sieger

"Der Marsch" Szenenfoto - © BBC 1990

Anmerkungen

1) Vgl.: http://www.buschmediagroup.de/de/unternehmen/pressebereich/item/der-marsch (abgerufen am 5.4.2016).

2) Vgl. u. a.: Peter Scholl-Latour, Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? Chronik eines unbegrenzten Krieges, Berlin 7. Auflage 2015, insbesondere 124-227.

3) Vgl.: Christoph B. Schiltz, EU verspricht Geld für Flüchtlinge und zahlt nicht, in: Die Welt, Ausgabe vom 14.10.2015 = http://www.welt.de/politik/ausland/article147565321/EU-verspricht-Geld-fuer-Fluechtlinge-und-zahlt-nicht.html (abgerufen am 6.4.2016).

4) Vgl.: Christoph B. Schiltz, EU verspricht Geld für Flüchtlinge und zahlt nicht, in: Die Welt, Ausgabe vom 14.10.2015 = http://www.welt.de/politik/ausland/article147565321/EU-verspricht-Geld-fuer-Fluechtlinge-und-zahlt-nicht.html (abgerufen am 6.4.2016).

Dank gilt der Busch Media Group in Hagen für das Zur-Verfügung-Stellen von Bildmaterial aus dem Film der BBC. Der Film selbst - 2015 erstmals wieder im Deutschen Fernsehen gezeigt - ist jetzt auch endlich als DVD erschienen und kann auch direkt über die Busch Media Group bezogen werden.

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