Globale Zusammenhänge

Durch alle Medien geistern mittlerweile die Begriffe "Flüchtlingskrise" oder "Flüchtlingswelle", manchmal ist gar von einer "Flüchtlingskatastrophe" die Rede. Und es klingt dabei häufig so, als hätten wir es mit Dingen zu tun, die einem Schicksalsschlag ähneln oder einer Epidemie, wie etwa einer Grippewelle, die auch einfach über ganze Landstriche hereinbricht - irgendetwas auf jeden Fall, was einfach über uns gekommen ist, was niemand erwarten konnte, und vor allem, wofür eigentlich niemand etwas kann - zumindest nicht wir.

Syrischer Junge im Flüchtlingslager - © Caritas-International

Das ist nicht falsch. Kaum jemand von uns kann persönlich etwas für die Krisenherde, die allüberall auf der Welt aufgebrochen sind. Aber wir leben in einer Welt, die immer deutlicher erkennen lässt, dass jedes Tun seine Auswirkungen hat. Wir sind mittlerweile so eng miteinander verflochten, dass wir an zahllosen Erscheinungen und Ereignissen ablesen können, was unser Handeln hier bei uns auf der anderen Seite der Erdhalbkugel bewirkt. Und wir spüren andererseits auch immer deutlicher, dass, wenn irgendwo auf der Welt etwas geschieht, es ganz schnell auch uns betrifft.

Diese Verflechtungen genießen wir, wenn es darum geht weltweite Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen; sie ängstigen uns, wenn wir erleben müssen, dass die Folgen einer Reaktorkatastrophe im fernen Russland noch bei uns messbar sind.

Sich diese Zusammenhänge bewusst zu machen, ist wichtig. Es führt uns nämlich vor Augen, wo die Ursachen für die Krisen und damit auch für die Flucht von weltweit immer mehr Menschen liegen. Und es führt uns nicht minder vor Augen, dass diese Ursachen nicht selten bei uns zu suchen sind: in unserer Gesellschaft, in der Art wie wir wirtschaften und in der Weise, wie wir die Ressourcen dieser Erde - wie selbstverständlich - für uns beanspruchen und für uns nutzen.

Über Jahrhunderte hinweg hat Europa die halbe Welt in Kolonien aufgeteilt, Rohstoffe ausgebeutet und Grenzen willkürlich gezogen. Der Wohlstand unserer Zivilisation beruht darauf, dass andere Länder gleichsam als Eigentum betrachtet wurden, Bodenschätze geplündert und die Menschen in diesen Ländern als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Arbeitsbedingungen, die bei uns schon längst verboten sind, garantieren Produktionskosten, die ansonsten unvorstellbare Renditen ermöglichen. Auch wenn keiner von uns als Einzelner etwas dafür kann - wir leben ganz gut davon. Diese ungerechten Strukturen sind mit ein Grund unseres Überflusses. Dieser Reichtum aber raubt anderen die Luft zum Atmen.

Ein Kind, das seit Jahren in Jordanien im Flüchtlingslager lebt, kann nichts dafür, dass es keinen Zugang zu Schulbildung hat, nur notdürftig krankenversorgt ist und nicht weiß, ob es auch im nächsten Monat genügend zu essen geben wird. Genauso wenig wie wir etwas dafür können, auf dieser Seite der Erde geboren worden zu sein.

Auf diesen Seiten soll diesen Zusammenhängen nachgespürt werden. Und es soll deutlich gemacht werden, was die Konsequenz solcher Zusammenhänge ist. Um es schon jetzt vorwegzunehmen: Eine Konsequenz ist, dass es auch "unsere Flüchtlinge" sind, die augenblicklich bei uns ankommen. Es ist nicht so, dass uns diese Menschen nichts angingen. Ihr Schicksal hängt ganz eng mit unserer Geschichte zusammen. Ihr Elend ist nicht zuletzt durch den Wohlstand unserer Gesellschaft bedingt. Wir leben auf Kosten der ärmsten Menschen dieser Erde ganz gut. Und wir haben deshalb - ob wir es wahrhaben wollen oder nicht - eine Verantwortung für diese Menschen. Die große Zahl der Flüchtlinge ist auch so etwas wie ein Bumerang: Ein Teil dessen, was unsere Gesellschaft und unsere Art zu leben verursacht hat, kehrt wieder zu uns zurück.

Dr. Jörg Sieger

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