Das Alte Testament und der moderne Mensch

1. Die Hypothek des Wortes "alt"

Im Zeitalter der Technik und Mode hat das Wort "neu" einen besonders faszinierenden Klang. Man erfährt ja jeden Tag, wie das Alte abgelöst und abgetan wird.

Solche Erfahrungen flößen einem unkritischen Bewusstsein ein allgemeines Vorurteil gegenüber allem Vergangenen ein. Darunter leidet häufig die Einstellung zum AT.

2. Das AT, ein "Judenbuch"

Der Antisemitismus unseres Jahrhunderts hat mit dem Schlagwort, das AT sei ein "Judenbuch", ein übriges dazu beigetragen, bei vielen, vor allem älteren Menschen, eine gefühlsmäßige Abneigung gegen das AT zu etablieren.

Das ist ein Faktum, mit dem auch heute noch zu rechnen ist, und das man nicht einfach herunterspielen darf.

3. Die neuzeitlichen Naturwissenschaften und das AT

Sonnenaufgang.

Hinzu kommt, dass das AT als Ganzes, dem alten Weltbild verhaftet ist. Die Texte des Alten Testamentes sprechen in der Sprache des Augenscheins. Und das ist eben nicht die Sprache der naturwissenschaftlichen Erkenntnis.

Die Autoren des AT leben eben in einer Zeit, in der man sich die Erde als Scheibe vorstellte. Die Welt ist eine Scheibe, die auf Pfeilern über dem Süßwasserozean ruht. Und dieses Gebilde wiederum wird umspült von einem gigantischen Salzwasserozean. Über allem wölbt sich sich der Himmel als Kristallschale, wobei in diese Schale die Bahnen für die Gestirne eingelassen sind.

Dieses Weltbild schlägt natürlich durch die Schilderungen der alttestamentlichen Verfasser immer wieder durch. Und für viele ist das mit ein Grund, das AT beiseite zu legen.

Darüber hinaus finden sich natürlich auch eine Fülle ganz handfester Irrtümer. Viel zitiert ist Lev 11,6:

"Ihr sollt für unrein halten den Hasen, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat." (Lev 11,6)

Diese Einreihung des Hasen unter die Wiederkäuer ist einer der bekanntesten Irrtümer im Alten Testament.

Als dann im 16. Jahrhundert das kopernikanische Weltsystem entwickelt wurde, kam es zu dem bekannten Streit um Galilei, eine Tragödie ganz eigener Art.

In diesem Streit behauptete man nämlich, dass das kopernikanische Weltsystem mit der Lehre der Bibel unvereinbar sei, weil es dem Weltbild der Bibel nicht entsprach.

Ich denke, Sie können den entscheidenden Fehler, den man damals machte, bereits aus den Worten entnehmen. Man stellte die Lehre der Bibel mit dem Weltbild der Bibel auf eine Stufe. Das kopernikanische Weltsystem widersprach dem Weltbild der Bibel. Das ist aber noch einmal etwas ganz anderes als die Lehre der Bibel, wie wir - denke ich - in der Folge sehen werden. Die Bibel ist schließlich kein naturwissenschaftliches Buch. Sie ist ein religiöses Buch. Und als solches macht sie zunächst einmal keinerlei naturwissenschaftliche Aussagen.

Eine Einsicht, die viel zu spät kam. Dies desavouierte das Alte Testament für viele fortschrittlich eingestellte Menschen.

4. Die Geschichtswissenschaft und das AT

In den gleichen Zusammenhang gehört das Missverständnis, dass jeder erzählende Text der Bibel als historischer Bericht zu verstehen sei.

Ich hatte einmal eine Bibelausgabe in der Hand, bei der oben auf der Seite jeweils angegeben war, wann das betreffende Ereignisse stattgefunden hatte. Man hatte die genaue Jahreszahl aus den in der Bibel angegeben Daten errechnet. Das Jahr der Schöpfung war demnach etwa so um 4300 vor Christus.

Ein unseliges Missverständnis. Das AT ist nämlich in keiner Weise mit einem wissenschaftlichen Geschichtsbuch zu verwechseln. Und das nicht nur deshalb, weil es zur Zeit seiner Abfassung noch keine Historiographie im modernen Sinne gab, sondern ganz einfach, weil der Gegenstand der biblischen Offenbarung nicht einfachhin profane Geschichte ist.

Dort, wo erzählende Texte des AT wirklich Geschichte berichten wollen, dort haben diese Texte durch die neueren Ausgrabungen eine glänzende Rechtfertigung gefunden. Das heißt aber umso mehr, dass ich zunächst sehr genau hinschauen muss, was der entsprechende Text denn von sich aus sagen möchte.

Wir werden sehen, was das im einzelnen bedeutet.

5. Das AT ist abgelöst und überboten durch das NT

Eine ganz besondere Schwierigkeit für die Schriften des Alten Bundes ist der Neue Bund, sprich das Christentum.

Selbst mancher Theologe - und damit meine ich dann vor allem die Pfarrer - sonnt sich in dem Gedanken, dass er Kind des Neuen Bundes sei. Und ein Neuer Bund löst natürlich den Alten Bund und damit natürlich auch das Alte Testament ab.

Um vor dieser Gefahr gefeit zu sein, müssen wir uns immer vor Augen halten, dass die Schriften des Neuen Bundes, also die Evangelien oder die Paulusbriefe, immer dann, wenn sie von "Heiliger Schrift" sprechen, genau dieses Alte Testament meinen.

Zur Zeit der ersten Christen gab es schließlich keine anderen "Heiligen Schriften" als eben die Texte des Alten Testamentes.

Man muss sich hier nur einmal vor Augen führen, wie oft das Neue Testament Texte des Alten Testamentes zitiert. Es gibt eigentlich keine Seite im NT, die nicht eine Fülle von Zitaten aus dem AT enthält. Und gerade wesentliche Worte des Neuen Testamentes sind aus diesem Alten Testament entnommen.

Ich erinnere nur an das Wandlungswort über den Kelch, das auf Ex 24,8 ("Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat.") zurückgeht.
Auch Jer 31,31 stand hier Pate ("Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde.")

6. Anstößige Aussagen über Gott

Schwierig erscheint vielen Menschen auch das Gottesbild des AT. In manchen Zügen scheint es sogar unsympathisch zu sein.

Am meisten Anstoß erregen die oft stark anthropomorphen Aussagen über Gott, Gott z. B. als Töpfer oder Chirurg (Gen 2). W. Hellpach kommt daher zur Feststellung:

"Der Gott des Garten Eden kann nicht mehr unser Gott sein!"

Im "Zorn", "Grimm" und in der "Wut" Jahwes scheint sich oft ein grausamer Vernichtungswille anzuzeigen (vgl.: Num 21,2ff; Dtn 13,13-19).

Die Propheten verkünden in ihren Drohsprüchen einen Gott, der den Bundesbruch unnachsichtig rächt.

Manchmal scheint Jahwe sogar ein rein willkürlich handelnder Gott zu sein.

Diese Züge im alttestamentlichen Gottesbild sind unleugbar, man darf sie jedoch nicht einseitig herausnehmen und die anderen, viel zahlreicheren Zeugnisse über Jahwe verschweigen.

Reue, Liebe, Güte und Hass Gottes liegen eben darin begründet, dass Gott im AT immer Ich, Er und Du ist, niemals ein unpersönliches Es.

Bevor man über das alttestamentliche Gottesbild urteilen kann, muss man es in seiner Ganzheit in den Blick bekommen, muss also die einschlägigen Texte als Mosaiksteinchen zusammentragen und organisch aneinanderschieben.

Es ist also viel zu kurzsichtig und schlichtweg unwahr, zu behaupten, dass der Gott des AT der strafende, der Gott des NT der liebende ist. Der Gott des alten Bundes ist grundsätzlich faszinierender als erschreckend, liebender als strafend.

Das Gerede vom Rachegott des Alten Testamentes wird sich hoffentlich im Verlauf dieser Einführung als popularistischer Schwachsinn erweisen.

Es gibt auch im Neuen Testament den Richter und die Hölle, aber es gibt auch im Alten Testament einen Text wie Hos 11,1-4, einen Text, der übrigens auch im Neuen Testament seinesgleichen sucht:

"Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. Sie opferten den Baalen und brachten den Götterbildern Rauchopfer dar. Ich war es, der Efraïm gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe." (Hos 11,1-4)

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 1-4.

2) Zitiert nach: Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 4.

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Letzte Änderung: 14. März 2011