Sieben-Wochen-Prozess

Sonntag, 26. Juli 2009

Den Gottesdienst zum Anhören (72:20 min)


Die Lesung

Ich kenne eure vielen Vergehen / und eure zahlreichen Sünden. Ihr bringt den Unschuldigen in Not, / ihr lasst euch bestechen / und weist den Armen ab bei Gericht. Darum schweigt in dieser Zeit, wer klug ist; / denn es ist eine böse Zeit. Sucht das Gute, nicht das Böse; / dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, / der Herr, der Gott der Heere, bei euch sein. Hasst das Böse, liebt das Gute / und bringt bei Gericht das Recht zur Geltung! Vielleicht ist der Herr, der Gott der Heere, / dem Rest Josefs dann gnädig. (Am 5,12-15)


Die Predigt

Einmal muss Schluss sein! Es wird langsam Zeit. Manche werden den Namen Amos schon nicht mehr hören können. Manche werden schon entnervt das Blatt aus der Hand legen, wenn sie schon wieder diese komischen Köpfe sehen, die jetzt wochenlang auf Flugblättern, Liedzetteln oder Plakaten abgebildet waren.

Jetzt reicht es langsam! Einmal muss Schluss sein!

Liebe Schwestern und Brüder,

dabei werden einige sich wahrscheinlich immer noch fragen, was diese Zeichnung eigentlich bedeutet. Warum da solche Köpfe in der Landschaft herum liegen, und was das für ein Weckruf sein soll.

"Wer soll denn da geweckt werden?" hat mich letzthin jemand in der Fußgängerzone gefragt!

Eigentlich jeder, der diese Frage stellt!

Denn viel zu viele dösen noch vor sich hin: diejenigen, die immer noch nicht begriffen haben, dass es sich beim Buch des Propheten Amos um einen Text aus der Heiligen Schrift handelt!

Leut', ich bin fast am Verzweifeln! Seit wieviel Jahren predige ich, dass für uns Christen die Heilige Schrift in gleicher Weise aus Altem und Neuem Testament besteht, dass beides zusammengehört und Jesus von Nazareth, wenn er von der Schrift spricht, die Thora und die Propheten meint?

Und dann sagen hier immer noch welche, warum muss man sich denn jetzt mit Amos beschäftigen, wir haben doch Jesus! Wie kann man sich als so unwissend outen und so außerhalb jeglicher katholisch-christlicher Tradition stellen.

Wer soll aufgeweckt werden?

Es gilt sie wachzurütteln, diejenigen, die immer noch sagen: Von sozialer Gerechtigkeit habe ich noch nie etwas gehalten. All diejenigen, die sich immer noch einbilden, dass man sich in unserem Land über so etwas keine Gedanken machen müsse, weil doch Chancengleichheit bestehe und man sich eben nur anstrengen muss, um etwas zu erreichen.

Von wegen Chancengleichheit: Beim Verdienst meiner Eltern - ich weiß nicht ob ich da heutzutage noch hätte studieren können.

Lasst sie uns aufwecken, all die jungen Menschen, deren Zukunft augenblicklich verkauft wird.
19.240 Euro Schulden hat jeder und jede von uns. Die habe ich, die haben Sie und Du auch - obwohl Du noch nie etwas davon gesehen hast. 19.240 Euro! Und die haben wir, weil sie ausgegeben wurden, ohne dass sie wirklich vorhanden waren, weil wir Weltmeister sind im Über-unsere-Verhältnisse leben!

Da steht sie vor dem Bankrott, unsere vielgepriesene International University und demnächst steht da unsere Stadt und unser Staat sowieso.

Weckt sie auf, all diejenigen, die uns vor den vielen Wahlen dieses Jahres erzählen wollen, dass das gerade so weiter ginge. Und weckt sie auf, all diejenigen, die diesen Märchenerzählern glauben.

Und lasst sie endlich aufwachen, alle, die heute noch oder schon wieder propagieren, dass Liturgie eine heiliges Spiel sei, das gleichsam vom Himmel gefallen wäre, und die sich einbilden, unser Herr Jesus Christus hätte gar ein römisches Messbuch dabei gehabt, als er im Abendmahlsaal mit den Jüngern das Brot brach. Lasst es ihnen wie Schuppen von den Augen fallen, allen, die solch einen Unsinn verzapfen.

Und lasst uns wachsam verfolgen, wenn jetzt im "Jahr des Priesters" wieder an einem Priesterbild gezimmert wird, das wir alle schon lange überwunden glaubten, und das nicht nur von gestern ist, sondern auch dem Bild, das uns die Heilige Schrift und deren Neues Testament zeichnet, diametral entgegensteht.

Dort wird von einem "Presbyter" gesprochen. Der aber scheint, etwas ganz anderes zu sein, als unser Priester. Denn unser Wort Priester hat sich offenbar so weit von seinem biblischen Ursprung entfernt, dass es schon gar nicht mehr zur Übersetzung des neutestamentlichen Wortes "Presbyter" taugt! Und ist es nur das Wort, das sich von seinem biblischen Ursprung entfernt hat?

Aufwachen müssen sie alle, die letztlich im Sinn haben, was Menschen gefällt und nicht was Gott will und ihm gefällt und er für uns gedacht hat. Wenn sich Menschen Gott in den Weg stellen, dann kann das nicht gut gehen, dann muss das in die Katastrophe führen.

Deshalb ruft da einer, auf dieser Zeichnung auf unserem Logo, einer, der es erkannt hat, der es geschaut hat, dem, wie einem Propheten des ersten Bundes, die Augen aufgegangen sind. Das ist der erste Kopf auf diesem Symbol des prophetischen Weckrufes, das uns die letzten Wochen hindurch begleitet hat.

Und Gott sei Dank, es hat einer gehört! Denn da ist einer, der aufwacht, ein Kopf, der sich erhebt, der den Ruf vernommen hat und sich aus seinem Tran herausreißen ließ!

Gott sei Dank, es gibt welche, die aufwachen, es gibt welche, die es begriffen haben! Es gibt welche, die auf die Uhr geschaut und gesehen haben, dass der Zeiger schon bedrohlich nahe an die Zwölf herangerückt ist. Es gibt sie und zwar unter uns.

Was haben wir in den vergangenen zwei Jahren gewühlt! Was haben wir uns in den zurückliegenden Monaten abgemüht, um Menschen zu erreichen und zu gewinnen. Was haben wir alles versucht, um Weggefährten zu finden. Es waren so viele, so viele wie noch nie!

Es waren die Chöre und Musikgruppen, die unsere Gottesdienste gestaltet haben, unsere Koralle mit ihren markanten Anspielen und der durchgängig eindrücklichen Prophetenstimme eines Manfred Rieger, die Gruppenbegleiterinnen und -begleiter, die zum Gespräch einluden oder Themen weitergetragen haben, die Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Exegesekreis, die die Fäden nicht nur zusammenhielten, sondern letztlich die wichtigsten Anstöße gaben; da waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas, und dann natürlich all die Lehrer und Lehrerinnen, die die Fragebogenaktion durchgeführt haben, ein Herr Betz, der sich bei den Kollegen und Kolleginnen dafür stark und damit nicht nur Freunde gemacht hat. Da waren die Helfer und Helferinnen, die Hunderte von Stunden der Pfingstferien drangesetzt haben, um diese Fragebögen auszuwerten. Da gab es diejenigen, die das Begleitheft gestalteten und das eigene Herzblut zu Papier brachten, diejenigen, die versuchten Jugendliche zu mobilisieren und zu motivieren, sei es in der Ministrantenarbeit oder den Jugendgruppen. Da gab es die IT-Spezialisten, die meist mit erschreckend wenigen Worten, aber dafür um so effizienter die Köpfe zusammensteckten, die Mesnerinnen und Mesner, Helferinnen und Helfer in der Logistikgruppe, die mit übergroßem Einsatz und wortgewaltig wie unser Thomas Kunle oder mit nicht minder großem Einsatz meist aber sehr viel stiller wie Martin Petermann den ganzen Prozess am Laufen hielten.

Und da waren die, die gekommen waren, hundert, zweihundert, dreihundert...

Sie haben sich anstecken lassen, legten eine ungeheuere Hörsamkeit an den Tag, eine Betroffenheit und eine Bereitschaft zum Tun.

Wird es reichen?

Ich weiß es nicht!

Es hängt jetzt alles davon ab, ob wir es fertig bringen, dass jeder und jede, die neu aufwachen, sich den Stiefel, den wir ihnen hingestellt haben, auch wirklich anziehen! Dass sie, so wie der mittlere Kopf aus unserem Logo selbst wieder zu Rufenden werden: berufene Rufer, Nabi, Navi - Prophet im eigentlichen Sinne des Wortes.

Oh, wenn es doch gelingen würde! Oh, wenn all diejenigen, die sich haben anstecken lassen, doch selbst zu einem Heer von Prophetinnen und Propheten würden, um Menschen aufzurütteln - Menschen, die in so großer Zahl vor sich hindösen und sich alles erzählen lassen, berieseln lassen von falschen Versprechungen der Politiker und einlullenden Predigten von unterbelichteten Theologen und Pfarrern, die so sehr in der Vergangenheit leben, dass sie die Gegenwart verschlafen - geschweige denn die Zukunft im Blick hätten.

Wecken wir sie auf, rufen wir den Menschen zu, dass es längst überfällig ist aufzustehen und anzupacken, eine Kirche, Gemeinden und eine Welt zu bauen, wie sie Gott wirklich gefällt. Auf uns kommt es an, auf jeden und jede von uns.

Wird es reichen?

Ich weiß es nicht!

Es war das traurige Schicksal der alttestamentlichen Prophetinnen und Propheten, dass ihr Werben vergebliche Liebesmüh blieb. Die Propheten, die die Katastrophe kommen sahen, hat man verlacht, diejenigen, die im Elend die Wende ankündigten, hat man als Spinner abgetan. Gescheitert sind sie irgendwie alle.

Lassen wir nicht zu, dass sich Geschichte immer und immer wieder nur wiederholt. Lernen wir aus den Fehlern der Vergangenheit und nehmen wir die Dinge in die Hand.

Machen wir uns auf den Weg, brechen wir auf, lassen wir aus dem Weckruf einen Wegruf werden, und rufen wir Menschen auf diesen Weg und nehmen wir alle mit begeistern wir sie für ihn, unseren Herrn Jesus Christus und machen wir uns auf, hopp, hinter ihm her!

Denn einmal muss Schluss sein, Schluss mit der Vergangenheit, Schluss mit dem alten Schlendrian. Einmal muss Schluss sein. Denn einmal muss ein Anfang sein.

Amen.


Das Evangelium

Jesus begann zu reden und sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt. (Mt 5,2-12)


Die Menschenkette




 
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