Sieben-Wochen-Prozess

Samstag, 25. Juli 2009

Der Gottesdienst zum Anhören (75:00 min)

Die Lesung

An jenem Tag richte ich die zerfallene Hütte Davids wieder auf / und bessere ihre Risse aus, ich richte ihre Trümmer auf / und stelle alles wieder her / wie in den Tagen der Vorzeit, damit sie den Rest von Edom unterwerfen / und alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist - / Spruch des Herrn, der das alles bewirkt. Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, / da folgt der Pflüger dem Schnitter auf dem Fuß / und der Keltertreter dem Sämann; da triefen die Berge von Wein / und alle Hügel fließen über. Dann wende ich das Geschick meines Volkes Israel. / Sie bauen die verwüsteten Städte wieder auf und wohnen darin; sie pflanzen Weinberge und trinken den Wein, / sie legen Gärten an und essen die Früchte. Und ich pflanze sie ein in ihrem Land / und nie mehr werden sie ausgerissen aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe, spricht der Herr, dein Gott. (Am 9,11-15)

Das Evangelium

Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Tochter Abrahams aber, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte. (Lk 13,10-17)

Die Predigt (Mitschrieb)

Jörg Sieger: Den aufrechten Gang lernen - so war der heutige Tag überschrieben und ich gebe zu, als ich es zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich selber gefragt, wie sind wir da drauf gekommen, was hat das mit dem Text zu tun, der heute im Mittelpunkt steht. Und passend dazu haben wir für das Evangelium genau diese Stelle aus dem Lukastext herausgesucht mit der Frau die 18 Jahre gekrümmt war und jetzt aufrecht gehen sollte. Heute - Ende dieses Tages, der ungeheuer dicht und vielfältig gewesen ist wollen wir all das, was uns aufgegangen ist und was uns wichtig war noch mal vor Gott hintragen - vor ihn und vor uns selbst. Und ich glaube es ist wichtig, dass wir uns auch selbst noch mal in Erinnerung rufen was uns wichtig ist, was uns aufgegangen ist, bei all dem Stückwerk wie es bleibt. Und eigentlich stehen wir jetzt erst am Anfang, eigentlich müssten wir jetzt loslegen, eigentlich müssten wir das was uns aufgegangen ist jetzt umsetzen. Der Vorschlag für das heutige Evangelium kam von Erika Kerstner und deswegen ist die jetzt sicherlich darauf gefasst, dass ich ihr das Mikro in die Hand drücke...

Erika Kerstner: Ja - die Frau, 18 Jahre lang gekrümmter Rücken, so ein gekrümmter Rücken passiert ja nicht von alleine. Da gibt es ja jemanden der einem Mädchen, einer Frau das Rückgrat beugt oder auch bricht. Jesus gibt dieser Frau den Ehrentitel - er nennt sie "Tochter Abrahams". Er setzt sie also in die volle Würde im jüdischen Volk ein. Ich habe heute mit zwei verschiedenen Gruppen mich um Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen deutlicher gekümmert. Wir hatten einmal die Geschichte der Tamar, die natürlich nie irgendwo in einem Gottesdienst vorkommt. Die erste Frage war, noch bevor die Bibelstunden angefangen hatte, warum so eine schlimme Geschichte, warum steht die in unserer Bibel, das ist ja furchtbar. Und im Gespräch als wir uns mit dieser Vergewaltigungsgeschichte einer Frau also einer "Krümmungsgeschichte" beschäftigt haben, haben wir dann auch so gemerkt - zwar durfte die Tamar am Ende nichts von ihrer Gewalterfahrung erzählen, ihr Bruder sagte ihr nämlich "Schweig still!", aber - der Text steht ja in der Bibel, das heißt, da ist nicht geschwiegen worden. Da wird die Gewalt aufgedeckt und da wird das Tabu durchbrochen und das ist eine ganz wichtige Erfahrung für Menschen, die fertig gemacht werden, für Kinder, für Frauen, auch für Jungen und Männer, die fertig gemacht werden, da wo sie eigentlich in Sicherheit sein sollten - nämlich in ihrer Familie. Und auch Jesus ergreift Partei für diese Frau und gibt ihr den Ehrentitel: eine "Tochter Abrahams".

Jörg Sieger: Wir haben in vielfältiger Weise Dinge benannt in den zurückliegenden sieben Wochen, und es waren immer wieder Punkte die Frauen betreffen, die wir in den Blick genommen haben, was in der Vorbereitung sehr wichtig war. Denn häufig in der Geschichte - auch in der Geschichte von Kirche - waren Frauen diejenigen, die keine Stimme hatten. Und ich bin so froh darüber, dass - von den meisten unbemerkt - und trotzdem sehr lebendig, nicht nur eine Gruppe von Frauen, die betroffen ist in unseren Gemeinden, eine Heimat gefunden hat.

Marieluise Gallinat-Schneider: Ja - was mir noch zusätzlich kam war auch die Tatsache, dass wir bei der Diskussion mit den Medienvertretern so das gewissermassen Schlussplädoyer von Herrn Ehl mit der Barmherzigkeit hatten, und sich auch da wieder ein Kreis schloss, bei mir in der Bibelgruppe ging es ja um das Thema der Bergpredigt und der Erinnerung daran, dass Jesus sich in die Reihe mit Gesetz und Propheten gestellt hat, und auch da wurde von einigen Vertreterinnen in meiner Gruppe dieser Satz mit der Barmherzigkeit in den Seligpreisungen immer wieder in den Mittelpunkt gestellt. Und es geht bei Barmherzigkeit darum sich dem Menschen zuzuwenden. Und ich denke all das was wir in den letzten sieben Wochen besprochen haben und auch all die Dinge bei denen wir heute überlegt haben wie sie weiter gehen könnten sind Dinge, wo es auch um Barmherzigkeit in dem Sinne geht, dass es Dinge sind, die gut für den Menschen sein sollen, die dem Menschen zugewandt sein sollen. Aber ein anderer Aspekt ist dabei genau so wichtig, es sind Dinge, die auch unbequem sein können. Und genauso wie Jesus im heutigen Text des Evangeliums angefeindet wird, weil er am Sabbat heilt, so ist es im Text der Bergpredigt auch die Betonung, das Schicksal der Propheten ist auch mein Schicksal. D.h. Jesus stellt sich in eine Reihe mit den Propheten und auch er scheitert in einem gewissen Sinne genau wie sie - er endet nämlich am Kreuz, aber zum Glück wissen wir Christen auch da, wie es weiter ging. Und ich denke in dem Sinne können auch wir unser Projekt nur vor Gott legen in der Hoffung, dass es weiter geht.

Jörg Sieger: Du hast die Runde heute Nachmittag angesprochen mit der ich bedingt zufrieden war, denn ich hätte gerne noch sehr viel stärker auf konkrete Dinge eingehen wollen, aber das ist dann immer so, wenn man kräftige, wortgewaltige Menschen um sich herum hat, dann ist es ganz schwer, die entsprechend zu lenken. Eine Frage wollten wir ja noch in den Blick nehmen, nämlich die Frage nach Kirche. Und auch wie es weiter gehen kann mit Kirche. Ich bin so froh, dass Leopold Glaser heute Mittag da war und dass er auch jetzt auch noch im Gottesdienst noch da ist. Und ich drücke ihm jetzt einfach das Mikrofon in die Hand, weil ich denke zu dem Punkt mit Kirche, haben Sie uns noch einiges zu sagen.

Leopold Glaser: Ich habe den Amos-Prozess aus der Ferne im Internet verfolgt. Und ich möchte, das was ich sagen möchte, als Bitte formulieren an uns alle. Ich bitte darum, dass es uns im Geist eines glaubwürdigen Christentums gelingt, die Aufforderung von Amos ernst zu nehmen. Dass es uns gelingt, die historisch gewordenen Lehren und Irrlehren zu verabschieden. Dass wir wirklich ökumenisch werden um eines glaubwürdigen Christentums willen. Dass wir anderen Kirchen nicht mehr das Kirche sein absprechen, und anderen Religionen nicht mehr ihren Glauben an Gott. Ich bitte auch darum, dass wir alle Nächstenliebe in die Kirche einkehren (lassen). Wir und auch die Vertreter der Leitungsgremien.

(Applaus)

Jörg Sieger: Da erinnere ich mich an die eine Runde, die am Donnerstag bei uns im Anschluss an den Gottesdienst tagte, und in der wir uns mit Jesaja 19 auseinander gesetzt haben. Und wo ich deutlich spüre, dass unser kleinkariertes Denken in Konfessionen, wo wir schon froh sind, wenn wir einen kleinen Schritt weitergegangen sind und das von unseren Kirchenleitungen als riesiger Erfolg gewertet wird. Dass wir das schon längst überwunden haben hätten müssen, denn Christus will dass wir eins sind. Und die große Herausforderung auf Zukunft hin wird sein, dass wir uns in der Menschheitsfamilie die wir nun einmal sind immer mehr verstehen lernen und aufeinander zugehen. Davon wird die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder abhängen. Das ist etwas was von uns gefordert ist. Es sind so viele Gruppen und Gruppierungen und Institutionen, die im Verlauf dieses Prozesses - ich würde fast schon sagen - zueinander gefunden haben. Ich freu mich so, dass die Schwestern da sind - und die ganze Zeit über da gewesen sind, und wie sie den Prozess mitgetragen haben und die Fachschule Sancta Maria nicht nur ein Teil unserer Gemeinden gewesen ist, sondern mittendrin aufgegangen ist. Und ich denke mit Freude an die Projektwoche im Advent zurück. Ich glaube wir hatten noch nie soviel mit dem Caritasverband zu tun, wie in den letzten sieben Wochen, wo gerade Sie - Frau Gitzinger - immer wieder mit dabei gewesen sind, und mit ihren Kollegen und Kolleginnen den Prozess getragen haben. Und ich denke Sie rechnen jetzt damit, dass Sie die nächste sind, der das Mikrofon in die Hand gedrückt wird.

Barbara Gitzinger: Ja - es überrascht mich nicht. Wir haben es vom Caritas-Verband mit großem Interesse und mit viel ja mit viel - sagen wir mal - Fragen auch mitgetragen, weil viele viele Fragen, die im Amos-Prozess kommen, sind ja auch Fragen, die wir immer haben und viele Menschen, die in den Staub getreten, sind solche, die Hilfe brauchen, und die nicht nur Hilfe brauchen von einem Verband, sondern von jedem einzelnen Menschen. Und es war für uns eine wunderbare Erfahrung, wie viele Menschen in diesen kleinen Gruppen einfach zusammen nachgedacht haben, nachgefragt haben, sehr sehr kritisch nachgefragt haben, und auch schon Gedanken entwickelt haben, vom wie kann es weitergehen, wie können wir auch gemeinsam in Zukunft Solidarität üben - das war für uns ganz prima - und von daher heißt es auch für uns, wir sehen den Prozess nicht als abgeschlossen, sondern als Anfang von etwas was weiterlaufen kann.

Jörg Sieger: Wir könnten stundenlang so weitermachen. Und das zeigt, dass vieles im Raum steht, und vieles ist ja bereits schon als Bitte formuliert worden. Eines möchte ich noch dazulegen - und zwar als Ausrufezeichen. Und zwar ausgehend von dem Evangelium, das wir eben gehört haben. Es ist eine Frau, die da mit dem gekrümmten Rücken zu leiden hat. Die Ecclesia - die Kirche - ist nicht umsonst weiblich. Und das griechische Wort wird auf zweierlei Weisen übersetzt, komischerweise immer, wenn es um das Evangelium geht als "Kirche" und in den Paulusbriefen immer als "Gemeinde". Aber es ist ein und dasselbe Wort. Gemeinde und Kirche ist ein und dasselbe Wort, es ist die Ecclesia, die Gemeinde Jesu Christi. Und ich sehe diese Frau aus dem heutigen Evangelium durchaus auch als Bild. Denn unsere Gemeinden haben einen gekrümmten Rücken. Sie laufen nicht aufrecht. Sie müssen den aufrechten Gang erst noch lernen. Gemeinden sind gekrümmt, häufig durch viele Vorschriften. Wie hat mir eine der Frauen aus unseren Gemeinden die ungeheuer aktiv ist letzthin mal gesagt, ich möchte mit dem was wir tun nicht unzulänglich sein. Weil in irgendeiner Freiburger Verordnung wieder drinstand, dass wenn man das so angeht, dann ist das unzulänglich. Dabei musste ich ihr erklären, dass eigentlich alles, was ihr wichtig geworden ist, in den letzten 40 Jahren an Feier des Gottesdienstes, an Aufbau der Gemeinde, zu 80 Prozent unzulänglich ist. Weil es irgendwo an irgendwelchen Vorschriften sich wieder stößt. Unsere Gemeinden müssen den aufrechten Gang lernen. D.h. doch vieles abschütteln, an Konventionen, an einengenden Grenzen und so manchen Vorschriften durch das Kirchenrecht. Versuchen Sie die Parallelen zu ziehen, lesen Sie das heutige Evangelium, und lesen Sie als "Frau", die "Gemeinde" oder die "Kirche". Dann war doch da der nette Synagogenvorsteher, der gleich auf die rechtlichen Bestimmungen hingewiesen hat, so ähnlich als würden sie den Brief nach Freiburg schreiben und die amtliche Antwort bekommen. Und Jesus hilft dieser Frau wieder aufrecht zu gehen. Beten wir darum, dass er unseren Gemeinden den aufrechten Gang lehrt, und unsere Kirche aufrichtet, aus der Verkrümmung heraus, aus der Verkrümmung unter der alle leiden - vor allem diejenigen, die die Gemeinden lieben und die Menschen, die in ihnen leben. Um diese Menschen ist es Jesus vorab gegangen, und für sie gilt es sich weiter einzusetzen - weit über den morgigen Schlusspunkt hinaus.

 
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