Sieben-Wochen-Prozess

Freitag, 17. Juli 2009

Der Gottesdienst zum Anhören (65:20 min)


Die Lesung

Wenn sie sich auf dem Gipfel des Karmel verstecken: / ich spüre sie dort auf und ergreife sie. Wenn sie sich vor mir auf dem Grund des Meeres verbergen, / dann gebiete ich der Seeschlange, sie zu beißen. Und wenn sie vor ihren Feinden her in die Gefangenschaft ziehen, / dann befehle ich dort dem Schwert, sie zu töten. Ich habe meine Augen auf sie gerichtet / zu ihrem Unheil, nicht zu ihrem Glück. (Am 9,3-4)


Die Predigt

Wenn ich zum Himmel flöge,
ich könnt dir nicht entfliehen;
wenn ich zum Abgrund zöge,
ich fände dich darin.
Trüg mich das Morgenrot bis zu der Erde Enden,
du hieltest mich in Händen im Leben und im Tod.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein wunderschönes Lied. Ich singe es ausgesprochen gerne. Und der Psalm 139, auf den diese Zeilen zurückgehen, ist auch einer der schönsten überhaupt. Egal wo ich auch bin, egal wohin es mich verschlägt, Gott ist überall.

Aber dieser schöne, ermutigende Gedanke ist eben nur die eine Seite der Medaille. Es gibt auch eine sehr bedrohliche und auf die spielt der Prophet in der heutigen Lesung an. "Wenn sie sich auf dem Gipfel des Karmel verstecken: ich spüre sie dort auf und ergreife sie. Wenn sie sich vor mir auf dem Grund des Meeres verbergen, dann gebiete ich der Seeschlange, sie zu beißen."

Gott ist überall, ich falle nie aus seiner Hand, aber ich kann ihm deshalb auch nicht entfliehen. Und das heißt für biblisches Sprechen: Ich kann mich vor seinem Zorn auch nicht verbergen.

Das muss uns bewusst sein, wenn wir uns, fast am Ziel unseres sieben Wochen dauernden Prozesses, dem Ende unserer Thematik nähern. Wir haben viel benannt, wir haben Finger in sehr viele Wunden gelegt, und nicht alles war für alle leicht verdaulich. Wir haben über Fehler und über Irrwege ausgiebig gesprochen. Eines aber darf jetzt nicht passieren. Wir dürfen nicht auseinandergehen und dabei sagen: "Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" Es muss klar sein, dass es so nicht weiter gehen kann - auch nicht für uns. Gerade nicht für uns.

Wir werden uns nirgendwo verstecken können. Die Folgen der gegenwärtigen Entwicklung werden alle zu tragen haben. Und egal, wohin wir uns auch verziehen: Sie werden auch uns erreichen. Deshalb müssen wir handeln und zwar jetzt. Wir müssen Konsequenzen ziehen und zwar sofort!

Aber was soll ich tun! Das ist die Frage, die viele in diesen Tagen umtreibt. Was soll ich machen? Und was kann ich denn überhaupt machen?

Täuschen Sie sich nicht! Mehr als Sie meinen! Wir haben so viel in der Hand. Vor allem dann, wenn eine anfängt und ein anderer mitmacht und wir uns wirklich zusammentun. Es muss nur einer den Anfang machen: Schon mehr als einmal ist aus einem Schneeball eine Lawine geworden. Deshalb fangen wir an. Zunächst einmal jeder und jede bei sich selbst. Verpflichten wir uns selbst - und zwar richtig und konsequent. Es ist eigentlich ganz einfach!

Worüber haben wir uns aufgeregt? Über die Ladenöffnungszeiten? Darüber, dass dadurch natürlich kaum neue Menschen eingestellt werden, sondern die Arbeit nur anders verteilt und eine Mutter nun eben abends nicht mehr bei der Familie sein kann, sondern kaum eine andere Chance hat als bis 22.00 Uhr oder sogar noch länger zu arbeiten!

Dann fangen wir an. Ich kaufe nicht nach 19.00 Uhr ein. Das ist für mich abgemacht. Und ich hoffe Sie tun es auch. Und dann sprechen wir darüber! Sagen wir es weiter. Stellen wir unangenehme Fragen, im Bekanntenkreis, bei den Arbeitskollegen. Und versuchen wir Menschen zu finden, die da auch nicht mehr mitmachen; und zwar konsequent. Nicht mit der Hintertür, wenn es dann mal sein muss, dann mache ich es doch. Wirklich konsequent!

Denn seien Sie ganz sicher: Hundert, zwei- oder gar dreihundert Menschen, bewegen bereits sehr viel. Wenn die Zahlen nicht mehr stimmen, wenn ein Angebot nicht angenommen wird - da können Sie Gift drauf nehmen - dann rudern die Konzerne ganz schnell zurück. In den Sommermonaten, in denen der Umsatz offenbar abends nicht mehr stimmt, hat eine in Bruchsal ansässige Kette ja bereits reagiert.

Dem Sonntag wollen wir seine Bedeutung erhalten. Dann fangen wir an! Sonntags wird nicht eingekauft. Und das heißt auch, dass ich sonntags nicht tanke! Wer von uns muss das denn? Mit etwas Disziplin lässt sich das anders regeln.

Und - Hand aufs Herz - braucht irgend jemand denn wirklich am Sonntag Morgen gebackene Brötchen? Müssen deshalb Leute tatsächlich an diesem Tag arbeiten?

Ich mach da nicht mit. Und tun Sies auch! Und reden wir darüber. Sagen wir denen, die es anders machen, dass wir das nicht richtig finden. Hören wir auf zu allem und jedem einfach zu schweigen! Gott hat uns einen Mund gegeben, den müssen wir nur benutzen.

Von wegen wir können nichts machen. Es lässt sich so viel bewegen, wenn wir uns sammeln und Verbündete suchen. Man braucht dazu nicht einmal Mehrheiten!

Wie war das letzthin, als mir unsere Ministrantinnen gesagt haben, dass sie nicht könnten, dass da am Sonntag Morgen eine Veranstaltung sei, zu der sie hin müssten, und da ließe sich nichts machen. Wegen uns ändern die da nichts. Und was war? Ein Einsehen hatte der Veranstalter. Und weil uns dieser Morgen so wichtig war, weil wir auf 8 oder 10 Menschen nicht verzichten konnten, wurde die Veranstaltung verlegt.

Wir müssen nur hinstehen, nur den Mund aufmachen und uns Verbündete suchen. Allein bewegt niemand etwas. Aber wie oft ist aus einem Schneeball schon eine Lawine geworden.

Und dort, wo andere den Anfang gemacht haben, dort wo Dinge unterstützenswert sind: Tun wir mit!

Was wurde die Gepa anfangs belächelt, als die damit angefangen hat, Kaffee zu verkaufen, der teurer war als anderer - ich hätte mir nie träumen lassen, dass da etwas daraus werden könnte. Ich hatte da ehrlich die Befürchtung, dass der Schuss nach hinten los gehen würde, dass sich da Kaffeebauern in ganz neue Abhängigkeiten begeben und am Ende wieder im Regen stehen würden. Aber was ist daraus geworden? Weil die Menschen in den Eine-Welt-Gruppen, in unserem Perukreis, nicht locker gelassen haben, weil sie Werbung gemacht haben und auf die Notwendigkeit hinwiesen, und zwar immer und immer wieder, genau deshalb gibt es mittlerweile kaum einen Supermarkt mehr, der sich nicht genötigt fühlt, Produkte aus fairem Handel in sein Sortiment aufzunehmen. Das ist mit das beste Beispiel dafür, dass mancher Tropfen auf den heißen Stein ihn als steter Tropfen trotzdem langsam höhlt.

Und was bei der Gepa funktioniert hat, sollten wir so etwas im Blick auf unsere Bauern nicht auch hinbekommen? Sollte es so schwer sein, Menschen zusammenzubekommen, um gerechte Preise für Milch zu garantieren?

Stützen wir doch die Produkte aus der Region. Es kann doch nicht sein, dass Gemüse von Spanien hierher transportiert wird, während das, das man um die Ecke produziert, auf den Kompost wandert. Und wenn ein Markt keine regionalen Produkte führt, wenn da in unverantwortlicher Weise die Dinge über Tausende von Kilometern zusammengekarrt werden, dann fragen wir nach den Erzeugnissen aus der Region - wieder und immer wieder. Und spätestens wenn wir den Marktleitern auf die Nerven gehen, wird sich auch bei den großen Ketten etwas ändern. Von der Zufriedenheit der Kunden leben auch die.

Und lernen wir wieder mit den Jahreszeiten zu leben. Kein Mensch braucht Erdbeeren im Dezember! Fangen wir an wieder sehr viel bewusster zu leben - und damit verantwortungsbewusster.

Und verpflichten wir uns selbst, machen wir den Anfang. Wie oft ist aus einem einzigen Schneeball schon einen Lawine geworden. Wir haben es in der Hand! Wir vermögen so viel. Vor allem, wenn wir Dinge nicht einfach hinnehmen, sondern uns einmischen.

Wenn Politiker Unsinn erzählen - und wie oft passiert das! - dann nehmen Sie das nicht hin. Schreiben Sie! Das bewegt etwas! Leserbriefe werden gelesen! Und wenn die Medien Blödsinn berichten, dann rufen Sie an, schreiben Sie hin. Das bewegt! Das wird zur Kenntnis genommen. Und machen Sie es nicht allein, suchen Sie sich zehn, zwölf andere, die mittun. Dann erhält eine einzelne Meinung plötzlich Gewicht! Haben wir den immer noch nicht begriffen, dass in dieser Gesellschaft offenbar nur der zählt, der lautstark von sich reden macht?

Wir haben doch etwas zu sagen! Tun wir es. Und tun wir es richtig. Dazu ist natürlich wichtig, dass das, was wir von uns geben auch Hand und Fuß hat! Man kann den Teufel nicht mit Beelzebul austreiben, man darf Blödsinn nicht durch Schwachsinn ersetzen. Dazu aber muss man informiert sein, muss wissen, was wichtig ist und worauf es ankommt - insbesondere, wenn es um Kirche und unsere Wertvorstellungen geht.

Dazu können wir uns gegenseitig stärken. Und da wird in unseren Gemeinden bereits ungeheuer viel getan. Nutzen Sie die Angebote! Ich wage zu behaupten, dass all die, die die Glaubensseminare in unseren Gemeinden verfolgt haben, dass die mitreden können und dass die etwas zu sagen haben.

Und das müssen wir auch tun. Allem voran, wenn es um Kirche selbst geht - und das nicht zuletzt der eigenen Leitung gegenüber. Niemand weiß besser, was bei uns vor Ort von Nöten ist, als die Menschen, die hier leben. Deshalb müssen wir uns auch einmischen, wenn auf Zukunft hin die Strukturen noch einmal verändert und jetzt nicht nur Pfarreien sondern ganze Seelsorgeeinheiten zusammengelegt werden. Lassen wir nicht zu, dass Entscheidungen am grünen Tisch getroffen werden.

Und wenn jemand versucht Unsinn umzusetzen, dann sagen wir das nicht nur, dann machen wir einfach nicht mit! Wir haben es in der Hand. Wir können etwas bewegen und vor allem ganz praktisch, hier vor Ort.

Unsere Schüler und Schülerinnen werden es hoffentlich schon im Herbst merken. Wie viele von ihnen haben mir in den letzten Monaten immer wieder gesagt, dass auf sie ja niemand hören würde und sie nichts bewegen könnten. Wir haben damit begonnen die Situation von Schülerinnen und Schülern genauer unter die Lupe zu nehmen. Und wir werden dran bleiben. Und wenn wir wirklich im Herbst all diejenigen, die uns bei der großen Befragung in den vergangenen Wochen, signalisiert haben, dass sie bereit wären, mitzuhelfen, wenn wir sie alle dann zu einer Zukunftswerkstatt einladen, die Ideen, die wir dort entwickelten werden, gemeinsam mit den Verbänden, den Schulleitungen und der Stadtverwaltung, dann auch wirklich umsetzen, dann soll einer mal sagen, wir könnten nichts bewegen.

Und wenn all die, die jetzt unter uns sagen, ich würde ja schon, wenn ich nur wüsste wo und wie, wenn all die am Samstag in einer Woche den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Caritasverbandes signalisieren, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten mittun werden, dann muss sich ja förmlich eine regelrechte Lawine in Bewegung setzen.

Wir haben es in der Hand. Wir können bewegen

Ich weiß, wir haben damit noch lange keine gerechte Welt geschaffen, und der Hartz IV Empfänger wird nur den Kopf schütteln, wenn wir uns über gerechtere Milchpreise Gedanken machen. Als ob es für viele Menschen nicht schon längst drängenderen Probleme gäbe.

Völlig richtig. Wir werden es nicht fertig bringen, von heute auf morgen eine gerechtere Welt zu schaffen. Bis ein Ozeandampfer aus voller Fahrt zum Stillstand kommt, vergeht seine Zeit. Aber wir müssen anfangen, dort, wo wir es vermögen. Wir können Zeichen setzen, die andere zum Mittun animieren. Und wir können wenigstens an ein paar Hebeln ansetzen und an ihnen zu zerren beginnen. Wer weiß, welche Weiche dadurch am Ende dann eben doch anders gestellt werden wird.

Und wenn wir parallel dazu die Betroffenen stärken, ihnen eine Stimme verleihen und ihnen Mut machen, selbst für die eigene Sache einzutreten, dann wird auch dies auf Zukunft hin Steine ins Rollen bringen.

Hier wird das meiste, wenig spektakulär sein, aber nicht minder wichtig, weil es ganz konkreten Menschen in ihrer je eigenen Situation ganz einfach hilfreich ist. Das fängt beim "Geben-Nehmen-Regal" im Kindergarten St. Anton an, das beim Kinderbibeltag entstanden ist. Und es geht weiter, wenn wir die Bewohner und Bewohnerinnen des Julius-Itzel-Hauses ganz ausdrücklich zum Fest nächste Woche einladen und damit ein Zeichen setzen, dass sich unsere Art Pfarrfest zu feiern, verändert hat und weiter verändern soll. Das geht über das Engagement unser Schwester Stephanie bis hin zur Gruppe gewaltüberlebender Christinnen, die bei uns - ohne, dass viele davon wissen - eine Heimat gefunden hat.

Hier stärken wir Menschen den Rücken, damit sie selbst wieder aufrecht gehen und für ihre Sache eintreten können. Dies alles sind Ansätze, die die Chance in sich tragen, das Steuer im letzten Moment doch noch herumzureißen. Wir können nur werben, wir können nur einladen, wir können nur den Anfang machen. Und wir können darauf vertrauen, dass andere mittun, dass sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass gehandelt werden muss und zwar schnell.

Ich weiß nicht ob es gelingen wird. Da stehe ich genauso zwiespältig vor der Zukunft, wie unser Prophet Amos damals zu seiner Zeit. Den einzigen Rat, den er den Menschen wirklich hat geben können - den Wohlmeinenden, den Willigen, denen, die ihm zugehört haben - war die Aufforderung: "Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben (...). Hasst das Böse, liebt das Gute und bringt bei Gericht das Recht zur Geltung! Vielleicht ist der Herr, der Gott der Heere, dem Rest Josefs dann gnädig."

Vielleicht ist es so, vielleicht packen wir es, vielleicht wecken wir so viele auf, dass wir es gemeinsam schaffen.

Sie sind skeptisch? Ich bin es auch, aber es lohnt sich trotzdem! Egal wie es werden wird, unser Einsatz lohnt sich auf jeden Fall, denn, wie sagt der Herr durch seinen Propheten? "Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen."

Amen.


Das Evangelium

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,31-40)

 
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