Sieben-Wochen-Prozess

Mittwoch, 1. Juli 2009

Teil des Gottesdienstes zum Anhören (35:29 min)

Anspiel

Pfarrgemeinderat von Allerweltsheim.

Frau Wichtig kommt durch den Haupteingang mit Mikrofon in der Hand in die Kirche. Sie begrüßt einzelne (drei/vier) Gottesdienstbesucher und fragt nach dem Grund warum sie hier sind und was für eine Art Gottesdienst sie besonders mögen und was für eine Art Gottesdienst sie sich wünschen würden.

Frau Wichtig hat den Altarraum erreicht, in dem sie schon mehrere Personen (Mitglieder des Gemeindeausschusses von Allerweltsheim) erwartet wird.

Auf einem Overheadprojektor wird die Tagesordnung an die Wand projeziert:

TOP 1 Warum kommen heute immer weniger Menschen in unsere Kirchen?

Überlegungen zu den verschiedenen Gestaltungsformen unserer Gottesdienste.

TOP 2 Einweihung der Kauflandschaft in der Innenstadt mit kirchlichem Segen

TOP 3 Pfarrfeste sollen sie ein Fest der Begegnung sein oder ist ein guter Erlös wichtig zur Finanzierung der notwendigen Anschaffungen?

TOP 4 Jugendevent im Dom. Rockkonzert mit den Xanthippen

TOP 5 Diskussion: Welche Musik ist in welcher Kirche erlaubt?

TOP 6 Erstkommunion: die Eltern von Ixlein fragen nach der genauen Uhrzeit für das Ende des Gottesdienstes, da das Kind mit einer Pferdekutsche abgeholt wird und das Essen genau terminiert ist.

TOP 7 Firmung: sollen Jugendliche persönlich zur Firmvorbereitung eingeladen werden? Was für ein Klientel lädt man sich dabei ein?

TOP 8 Verschiedenes

Frau Wichtig begrüßt die anderen Mitglieder und eröffnet die Sitzung und entschuldigt die fehlenden (in diesem Fall männlichen) Mitglieder.

Schriftführerin Frau Nörgel verliest die Tagesordnung.

Frau Wichtig: In den letzten Jahren haben wir einen starken Rückgang unserer Gottesdienstbesucher zu verzeichnen. Wir müssen unbedingt etwas dagegen unternehmen.

Frau Skepsis: Ja, das fällt richtig auf, Frau Vielkind habe ich auch schon lange nicht mehr im Gottesdienst gesehen. Seit sie das 5. Kind bekommen hat, ist sie wohl den ganzen Sonntag mit putzen und waschen beschäftigt.

Frau Nörgel: Seit Herr Schaffnixy keine Arbeit mehr hat, sieht man seine Familie auch nirgendwo mehr. Man munkelt, dass er ständig betrunken ist und vor der Klotze hängt. Wenn der nur wollte, könnte er bestimmt Arbeit finden.

Herr Weltmann: Es sind ja noch mehr Leute die man nie sieht. Gerade aus dem Sozialblock, die kommen kaum in die Kirche. Aber wollen wir die wirklich in der Gemeinde haben. Wir brauchen doch auch ein bißchen Niveau in unserer Gemeinde. Unsere Kinder sollen behütet aufwachsen.

Frau Wichtig: Das ist schon richtig. Vielleicht können wir ja gerade Menschen aus guter Mittelschicht mit neuen Gottesdienstangeboten wieder in die Kirche locken. Wie ihr wisst, habe ich letzten Sonntag verschiedene Gottesdienstbesucher interviewt. Da konnte man deutlich sehen, dass wir den Leuten zu wenig bieten. Weihnachten mit Lichterglanz und starker Chorbesetzung und Ostern mit Osterfeuer und Kerzeneffekt sind noch die akzeptierten Gottesdienste. Lasst uns neue Ideen entwickeln, wie wir die Menschen wieder in die Kirche bekommen.

Frau Veränderlich: Wir müssen weg von den alten Ritualen. Wir müssen darauf achten, dass unsere Gottesdienste lebendiger und offener werden.

Frau Harmonia: Was haltet ihr davon, wenn wir mehr Angebote machen. In Erfurt hat man festgestellt, dass zu einem Adventskonzert mit Gebetseinlagen mehr Menschen kommen, als an Weihnachten selbst.

Frau Nörgel: Was soll das denn heißen? Bei uns ist das nicht so. Was sollte denn sonst aus unseren schönen Gottesdiensten werden.

Herr Weltmann: Frau Harmonia hat recht! Wir müssen uns dem Trend der Zeit anpassen. In Niederhöchstadt gibt es eine Gemeinde, die sich den Stil der amerikanischen Megakirchen zu Nutze macht. „GoSpecial“ nennen die ihren Gottesdienst. Der findet nicht in der Kirche sondern in einem profanen Filmpalast statt, Bands machen die Musik dazu und das Hauptaugenmerk liegt auf der Predigt. Die haben einen riesigen Zulauf

Frau Skepsis: Da wäre ich ganz vorsichtig. Das klingt ganz nach Sekten und solchen religiösen Gemeinschaften.

Frau Veränderlich: Das darf man nicht so eng sehen. Wichtig ist doch, dass die Leute drauf anspringen. Es ist ja auch eine finanzielle Frage. Wenn immer mehr Leute aus der Kirche wegbleiben werden sie früher oder später auch austreten.

Frau Harmonia: Ja, und außerdem haben wir immer weniger Priester, da müssen die Ehrenamtlichen ran. Den Leuten muss man ja die Möglichkeit einer besonderen Gestaltung offen halten. Die müssen die Möglichkeit haben, auch mal was ganz Neues machen zu können. Es gibt ja schon Beispiele wie Motoradwallfahrten, Gottesdienste zur Blauen Stunde, Litaraturgottesdienste, oder Gottesdienst für Verliebte, etc, etc..

Herr Weltmann: Von solchen Gottesdiensten habe ich auch gehört. In Frankfurt gibt es eine „Moonlight Mass“ mit Jazzelementen, besonders für Jazzliebhaber zu empfehlen. Und in Hamburg bieten Jesuiten eine Manresa-Messe für junge Singles an, die trotz klassischer Form guten Zulauf hat.

Frau Nörgel: Wahrscheinlich muss man nur Zielgruppen nennen und sein altes Ding machen.

Frau Harmonia: Ich weiß nicht, es gibt da schon Unterschiede. Von Basel habe ich gehört, dass es da ein ökumenisches Projekt „Offene Kirche Elisabethen“ gibt, die haben verschiedene Angebote für Segensfeiern und Handauflegen und Gespräch. Dagegen haben Oberhausen und Wien besondere Angebote im Jugendbereich. In Wien nennen sie ihren Gottesdienst „find fight follow“, eine Mischung aus Gottesdienst und Pop-Event. Die haben einen Zulauf von 1000 bis 3000 Jugendlichen.

Frau Wichtig: Das klingt alles sehr spannend, aber was setzen wir für uns um? Wir haben ja schon eine Vielfalt an Gottesdiensten. Die Hochfeste mit ihrem Glanz und Gloria und dem ganzen Aufwand dazu. Hochzeiten und Taufen, Erstkommunion und Firmung, Gottesdienst mit Fußwaschung und Kreuzweg Andachten, Bußgottesdienst und Tiersegnung und, und, und, sogar eine Primiz hatten wir im letzten Jahr.

Frau Skepsis: Wenn ich mal was sagen darf, Gottesdienstformen, schön und gut. Wer denkt eigentlich dabei an Gott und wer an die Menschen die gerne kommen würden aber alleine nicht können. Was ist mit den Einsamen und Kranken? Denkt nur an unsere Weihnachtsgottesdienste. Die meisten Leute kommen, weil es zu Ihrem Weihnachtsfest gehört aber das ist auch alles. Und nach dem Gottesdienst, was ist da? Alle haben vom Heil der Welt gesungen und an die Einsamen und Kranken hat dabei keiner gedacht.

Frau Veränderlich: Naja, einmal im Jahr, wird man doch auch mal nur feiern dürfen. Hauptsache wir haben alles festlich geschmückt, ein Orchester spielt und der Chor singt und zu Hause ist der Braten im Ofen.

Frau Nörgel: Das ist natürlich das Wichtigste! Da fallen mir gleich wieder Taufe und Erstkommunionen ein. Da geht’s doch oft genug auch nur ums Fest. Und bei der Firmung, wo es dann mal die Möglichkeit gibt die Jugend anzusprechen, sind die meisten schon weit weg von der Kirche. Ob da ein Jugend Event was bringen würde? Ich bezweifle das.

Herr Weltmann: Für die Gemeinde sind die besonderen Gottesdienste schon ganz wichtig. Ohne Klingelbeutel an den Hochfesten und den Spenden die bei solchen Feiern doch eher gemacht werden, könnten wir unsere Kirchen kaum in Stand halten. Also muss man den Leuten auch was bieten, damit sie kommen. Vielleicht könnten wir regelmäßig Musikgruppen engagieren und dann nach den Gottesdiensten hinten in der Kirche ein Kirchencafé einrichten. Man könnte eine extra Aktion starten und die Leute herzlich dazu einladen. Ach übrigens für die Seitenkapelle brauchen wir dringend eine gescheite Orgel, dieser Katzenjammer vom Harmonium treibt uns auch noch die Leute aus der Kirche.

Frau Veränderlich: Hast Du übrigens gesehen, dass am Sonntag der Sepp wieder in der Kirche war? Dass der sich nach der Scheidung noch hier her traut.



Der Lesungstext

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie / und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, / ich habe kein Gefallen an euren Gaben / und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! / Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, / die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Habt ihr mir etwa Schlachtopfer und Gaben dargebracht / während der vierzig Jahre in der Wüste, / ihr vom Haus Israel? Ihr werdet (den Gott) Sakkut als euren König vor euch hertragen müssen / und den Kewan, euren Sterngott, / eure Götter, die ihr euch selber gemacht habt. Ich will euch in die Gebiete jenseits von Damaskus verbannen, / spricht der Herr; / Gott der Heere ist sein Name. (Amos 5,21-27)



Dialogpredigt zwischen Pfarrerin Gudrun Luise Helm und Pfarrer Jörg Sieger

Jörg Sieger: 'war kein frustrierter Gottesdienstbesucher und auch kein renitenter Jugendlicher, der die Worte eben formuliert hat. Es war ein Prophet. Und sie sind aufgeschrieben in der Bibel: Wort Gottes. Ich hasse Eure Fest, weg mit dem Lärm Eurer Lieder.

Das sagt der Prophet zu den Frommen damals, die es mit Sicherheit nicht schlechter gemeint haben, als wir heute. Er sagt es zu uns. Und es muss all denjenigen, die Gottesdienste vorbereiten, ganz kalt den Rücken herunter laufen: All denjenigen, die sich in Räten um die Feste mühen und all denen, die immer wieder hier vorne stehen, feierliche Gottesdienste gestalten, mit festlichen Gewändern, mit Fahnen, mit Weihrauch, mit Kreuz und allem drum und dran. Da wird einem ganz anders, an solch einem Tag.

Und Hallo Frau Helm, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen - die evangelische Kollegin -, Sie haben sich ja wieder fein aus der Affäre heraus gezogen. Während wir jetzt hier dastehen und vom Propheten abgewatscht werden, haben Sie Ihren Talar über dem Arm und sind einfach so mitgegangen - oder was soll das bedeuten?

Gudrun Luise Helm: War spontan. Das war nicht lange vorüberlegt. Vor wenigen Stunden, heute Nachmittag, kam mir da der Gedanke: Nein, Du stehst jetzt heute hier nicht mit dem Talar, so schön, festlich, wie bei anderen ökumenischen Gottesdiensten. Das liebe ich: Gemeinsame Einzüge!

Das Wort des Amos ist hart: "Ich mag Eure Versammlungen nicht! - andere Übersetzungen, da steht sogar "Ich hasse Eure Gottesdienste" - Tu weg von mir das Geplärr Deiner Lieder." Das sind Worte, wo ich nicht einfach so weiterfeiern kann, als ob nichts gewesen wäre oder als ob uns das hier im Jahre 2009 überhaupt nicht betreffen würde, was Amos damals vor mehreren tausend Jahren gesagt hat. Darum heute ohne Talar.

Jörg Sieger: Und was heißt das für uns? Die Evangelischen haben es ja gut! Ja doch. Sie haben ja keine Sonntagspflicht, oder zumindest nehmen Sie es nicht so ernst...

Gudrun Luise Helm: Halt, halt, halt! So einfach ist das nicht. Wir wollen auch unsere Konfirmanden mindestens alle 14 Tage sehen.

Jörg Sieger: Stimmt, das sind dann diejenigen, die immer kommen und Stempel brauchen, dass sie im Gottesdienst gewesen sind.

Gudrun Luise Helm: Und ich muss auch sagen, wenn ich meine Hausbesuche mache, und die Leute zu mir sagen, ah, Frau Pfarrerin, ich war ja so lange nicht in der Kirche, dann...

Jörg Sieger: Und das schöne ist, wenn ich dann zu hören bekomme, bei der Krankenkommunion von der Tochter: "Sie müssen entschuldigen, aber ich bin jetzt die ganze Zeit nicht mehr gekommen, meine alte Mutter liegt doch hier. Ich komm am Sonntag doch nicht mehr in die Kirche. Ich habe so ein schlechtes Gewissen deswegen!"

Gudrun Luise Helm: Pflicht hin, Pflicht her, sind wir uns da nicht vielleicht viel näher?

Jörg Sieger: Vielleicht ist das mit der Pflicht eines der ganz großen Probleme. Immer dann, wenn eine Sache zur Pflicht wird, dann bekommt sie den Charakter einer Sache, die ich absolvieren muss. Manchmal - ich unterstelle Ihnen jetzt nichts, aber manchmal hat man schon den Eindruck, wenn man dann die Gemeinde am Sonntag vor sich sieht - mag sein, dass es an der langweiligen Predigt liegt - aber die Gesichter sehen dann schon so aus, als würde man jetzt halt wirklich seine Pflicht absitzen. Und hoffentlich kommen die bald zu Ende, ist es bald rum...

Dabei war es früher noch ganz einfach. Da waren die Kirchen noch voll, als jeder noch darauf gehört hat, wenn der Pfarrer gesagt hat, man muss kommen, die Pflicht erfüllen, sonst kommt man in die Hölle. Wer nicht regelmäßig in der Kirche ist - ganz klar -, der hat sowieso keine Chance. Und da haben alle anderen ja auch noch aufeinander aufgepasst. Und wehe die Türen sind nicht aufgegangen in der Nachbarschaft, wenn am Sonntag die Glocken geläutet haben! "Ah, der kommt auch wieder nicht, das ist aber ein schlechter Christ!"

Und das schlimme daran ist, das zieht sich im Grunde bis heute durch. Denn die Statistiken, was praktizierende Christen angeht bemessen sich ja nach denen, die zum Gottesdienst kommen. Ein praktizierender Christ, das ist offenbar jemand - zumindest nach den Statistiken -, der mit schöner Regelmäßigkeit an den Gottesdiensten teilnimmt. Und was würde Amos, und was würde Jesus dazu sagen, wenn es um praktiziertes Christsein geht?

Gudrun Luise Helm: Ich glaube worum es dem Amos bezüglich des praktizierten Christseins in erster Linie geht, ist dass er danach fragt: Euer Sonntag, hat der im Alltag bestand? Ist Euer ganzes Leben ein Gottesdienst, oder ist Gottesdienst ein Zeitfenster, das man sich gibt: Eine Stunde, wenn es ganz besonders festlich ist geben wir auch mal bis zu zwei Stunden. Was ist euer Gottesdienst? Ist Euer Gottesdienst dieses Zeitfenster oder Euer Leben?

Jörg Sieger: Und damit jetzt niemand auf die Idee kommt zu sagen: Naja gut, das war der Amos damals. Und das war ja altes Testament und das ist ja unheimlich weit weg. Das war der und was hat der denn mit uns zu tun? Lesen Sie es nach im Neuen Testament, was Jesus am Ende die Menschen fragen wird - dann, wenn er wiederkommt. Da steht nichts von: Wie oft habt Ihr den Gottesdienst besucht. Wie oft ward Ihr in Andachten? Von wegen: Wie oft habt Ihr gebeichtet oder die Sakramente empfangen! Sondern - Sie kennen die Szene - er wird die Schafe und die Böcke von einander trennen und er wird sagen: "Ich war nackt und Ihr habt mir etwas zum Anziehen gegeben. Ich war hungrig und ihr habt mir zu Essen gegeben. Ich war krank und Ihr habt mich besucht." Und jeder und jede von uns hat dieses Evangelium schon einmal gehört, so dass wir nicht die dumme Frage am Ende stellen dürfen: "Herr, wann haben wir dich hungrig oder nackt oder krank gesehen?" Denn die Antwort haben wir alle schon oft gehört: "Alles, was wir einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!"

Gudrun Luise Helm: Und obwohl wir die Antwort schon oft gehört haben, stellen wir die Fragen immer wieder falsch, zählen unsere lieben Schäfchen nach, bei uns am Sonntag Invocavit, am Karfreitag, an Heilig Abend, an Erntedank. Und dann gibt es noch manche Zählsonntage an den Trinitatis-Sonntagen. Wir zählen, und dann stellen wir fest: Die Zahlen, fünf Prozent der Erwachsenen das ist zu wenig. Etwas Hoffnung gibt uns, dass die Zahl der Kinder, die die Gottesdienste besuchen, bei sieben Prozent liegt, mit steigender Tendenz bei den Evangelischen. Also beginnen wir Zielgruppengottesdienste zu machen: Für Jugendliche mit einem Pop-Rock-Geschmack, für Erwachsene mit einem mehr volkstümlichen Milieu, für frisch Geschiedene, für ganz jung Verliebte und so weiter und so weiter - beim Anspiel haben wir es genau mitgekriegt.

Aber die Antwort, die Jesus uns schon längst gegeben hat, die wir eben gehört haben, verlieren wir aus dem Blick. Es geht nicht darum, ob wir Gottesdienste veranstalten für Gruppe A oder B. Es geht darum, dass wir Gottesdienst feiern und Gottesdienst leben mit den Menschen A und B und C - egal welcher Herkunft, egal welcher Rasse, egal welcher sozialen Schicht. Das ist das, was uns als Kirche aufgetragen ist.

Und wenn wir da zurückschauen, wie Kirche entstanden ist, wenn wir in die Paulusbriefe kucken, das war der Abschaum der Gesellschaft, der damals zusammen kam, nicht die bürgerliche Mitte. Und wir? Wir sind ganz glücklich, wenn wir einen armen Quotenchristen unter uns haben. Nein, das kann es nicht sein.

Das ist für mich wieder die Brücke zu dem, was Amos in einem seiner letzten Sätze sagt: Das Recht ströme wie Wasser und die Gerechtigkeit, wie ein nie versiegender Bach. Kann Euer Gottesdienst, Euer Sonntag, Bestand haben im Alltag?

Wo wird das Recht mit Füßen getreten? Und wenn wir das anfangen ernst zu nehmen und die Menschen aufzusuchen, deren Recht mit Füßen getreten wird - Und ich möchte das jetzt ganz deutlich beim Namen nennen, damit wir nicht bei Abstrakta bleiben: Da sind die Flüchtlinge, die Jahr für Jahr wieder eine neue Duldung nach der anderen bekommen, obwohl doch jeder von uns weiß, dass sie in ihrem Heimatland keine Chance auf ein friedliches Leben haben. Da sind die Ausländer, die in unseren Ämtern, in unserer Stadt hier, behandelt werden, als ob sie einen IQ von 20 hätten - hochintelligente Menschen, mit guten Ausbildungen, die unserer Sprache wesentlich mächtiger sind, als wir deren Sprache. Wie gehen wir mit diesen Menschen um?

Da sind Menschen dunkler Hautfarbe, anderer Herkunft. Es ist immer der erste Blick, wie wir solch einem Menschen begegnen. Das spürt unser Gegenüber, wie wir ihn unbewusst anschauen...

(Hier bricht der Gottesdienst-Tonmitschnitt leider ab. Der Rest der Predigt wird deshalb zusammenfassend als Gedächtnisprotokoll wiedergegeben:)

Das ist entscheidend, nicht die Zahl der Gottesdienstteilnehmer.

Wir zählen, wir rechnen, und wir stehen dabei in der Gefahr uns ganz gewaltig zu verrechnen. Das fängt schon damit an, was wir unter Gottesdienst verstehen. Wir meinen damit, ein verdienstvolles Werk zu vollbringen, Gott gegenüber einen Dienst zu leisten. Als ob wir Gott etwas zu geben in der Lage wären. Im Psalm 50 heißt es: "Hätte ich Hunger, ich bräuchte es Dir nicht zu sagen, denn mein ist die Welt und was sie erfüllt." Gott braucht doch nichts von uns. Wir können ihm doch nichts geben, was er nicht schon längst hätte. Wir vergessen immer wieder, dass es beim Gottesdienst nicht um unseren Dienst an Gott geht. Gottesdienst ist Gottes Dienst an uns!

Es geht Gott nie um sich. Es geht ihm immer um die Menschen: um uns.

Deshalb müssen unsere Gottesdienste auch so sein, dass sie Menschen gut tun, dass sie uns gut tun, dass wir spüren, dass sie die Gemeinschaft aufbauen, dass sie unser Leben bereichern, dass wir gestärkt werden und Orientierung finden, die wir für unser Leben brauchen. Der Gottesdienst ist um unsretwillen da, nicht um Gottes Willen.

Und der eigentliche Dienst, zu dem wir gerufen sind, ist der Dienst an den Mitmenschen. Das ist der wahre Gottesdienst. Denn Gottesdienst ist Menschendienst. Und deshalb hat die Frau, die ihre kranke Mutter pflegt an jedem einzelnen Tag sehr viel mehr Gottesdienst, als würde sie jeden Sonntag zur Kirche kommen. "Was Ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan!"

Und noch eines ist da, was unsere Art Gottesdienst zu feiern, in ein ganz schlechtes Licht rückt. Da feiern wir hier und 200 Meter weiter in Paul-Gerhardt, und das manchmal sogar gleichzeitig, so dass die Glocken uns wechselseitig stören. Wir feiern gleichzeitig, aber nicht miteinander. Und dabei hat Jesus doch klar gesagt: "Ich will, das Ihr eins seid." So eins sollen wir sein, wir der Vater und er eins sind.

Das ist Gottes Wille - und nichts tut sich. Das ist so ähnlich als würde eine Mutter einem Kind den Auftrag geben, das Zimmer aufzuräumen, das seit Wochen in Unordnung ist, so dass man schon nicht mehr laufen kann. Und dann kommt die Mutter und kontrolliert und augenscheinlich ist nichts passiert. Und das Kind sagt: Aber eine Schublade habe ich doch schon aufgeräumt. Gott will, dass wir eins sind - und wir präsentieren ihm eine aufgeräumte Schublade. Sicher unsere Bischöfe mögen sich, sie kommen gut miteinander aus und machen auch vieles gemeinsam und das funktioniert auch ganz gut - weil man um die Grenzen weiß und solange man nicht an ihnen rührt.

Und wenn wir ein wenig dahinter schauen, dann ist es immer noch so, dass wir alle zwar ganz lieb und nett zueinander sind, aber dennoch im Letzten das Gefühl haben, doch noch richtiger zu glauben, als die anderen. Das was wir hier tun, das ist doch allein der richtige Gottesdienst und die in Paul-Gerhardt glauben halt ein wenig falscher - von Euch in Bad Schönborn ganz zu schweigen.

Und wir tun dabei als hätten wir alle Zeit der Welt, den nächsten Schritt zu tun. Aber Gott ist nicht damit zufrieden, dass die Caritas mit der Diakonie schon mal was zusammen machen. Es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, uns als Kinder Gottes, als Kinder des einen Vaters zusammenzuraufen und uns als eine Familie zu verstehen. Dass wir das nicht hinbekommen, darunter leidet Gott. Gott leidet. Genau darunter leidet er.

Die Juden haben uns da eines voraus: Es gibt im Judentum mindestens so viele Glaubensrichtungen und Unterschiede, wie unter den Christen. Aber trotz aller Unterschiede wissen sich Juden geeint durch den gemeinsamen Glauben an den einen Gott. Das Bewusstsein, dass sie alle zu ein und demselben Gott gehören, ist das was sie untereinander eint - über alle Gräben und Spannungen und Glaubensdifferenzen hinweg. Das muss uns Vorbild sein, das muss uns die Richtung weisen.

Und deshalb müssen wir aufbrechen. Wir müssen uns wachrütteln lassen und wir müssen diesen Weckruf zu einem Wegruf werden lassen. Zu einem Wegruf, der uns auf den Weg ruft. Wir dürfen nicht warten, dass man irgendwo anders zu gehen beginnt: Wir müssen aufbrechen. Also tun wir es. Fangen wir an. Gehen wir mutig aufeinander zu und - vor allem - gehen wir miteinander weiter.

 
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