Eröffnungsgottesdienst des Amosprozesses
7. Juni 2009

Teil des Gottesdienstes zum Anhören (47:11 min)

... und zum Ansehen (9:33 min)

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Die Lesungstexte

Die Worte, die Amos, ein Schafzüchter aus Tekoa, in Visionen über Israel gehört hat, in der Zeit, als Usija König von Juda und Jerobeam, der Sohn des Joasch, König von Israel waren, zwei Jahre vor dem Erdbeben. Er sprach: Der Herr brüllt vom Zion her, / aus Jerusalem lässt er seine Stimme erschallen. Da welken die Auen der Hirten / und der Gipfel des Karmel verdorrt. (Am 1,1-2)

Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus; und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. (Mk 1,14-20)

Die Predigt

Um Berufung geht es in diesem Text, den wir gerade eben gehört haben. Und das ist ja eines der ganz zentralen Themen, augenblicklich in unserer Kirche - vor allem im Blick auf Priesterberufungen. Ein Jahr der Berufung wird demnächst ausgerufen werden, in dem verstärkt um Priesterberufungen gebetet werden soll.

Dabei gibt es allerdings einen kleinen Haken: Frauen werden schlecht darum beten können, zum Priester berufen zu werden, und Verheiratete genau so wenig. Wenn wir um Priesterberufungen beten, dann werden die meisten darum beten müssen, dass Gott andere beruft. Wir beten um die Berufung anderer.

Liebe Schwestern und Brüder,

heute wird uns gezeigt, wie Jesus beruft. Schauen wir einfach genauer hin. Was macht er? Wie macht er es?

Er fackelt da nicht lange. Er sieht welche im Vorbeigehen und ruft ihnen zu - nein nicht "Kommt her, folget mir nach!" - "deute opiso mou" steht da wörtlich im Text. Und das müsste man wohl am ehesten übersetzen mit "Hopp, hinter mich!"

"Hopp, hinter mir her!" sagt Jesus. Und er sagt es nicht besonders ausgewählten, er sagt es denen da, die vor ihm stehen, er sagt es mir und dir und jedem und jeder einzelnen von uns. "Hopp, hinter mir her!" ruft dieser Jesus von Nazareth, denn er ruft jeden und jede, ihm zu folgen. Jeder und jede von uns sind berufen - gerufen in die Nachfolge - auf den Spuren Jesu gerufen zu einem ganz besonderen Dienst.

Was das für ein Dienst ist, macht uns einer deutlich, der vor langer Zeit berufen worden ist, lange bevor Jesus von Nazareth geboren wurde - knapp 800 Jahre zuvor. Es war jener Maulbeerfeigenzüchter, jener Schafzüchter aus Tekoa in Judäa, einer Kleinstadt südlich von Jerusalem. Von hinter der Herde weg hat Gott ihn gleichsam gepackt - wie er später selber einmal sagt -, und zu einem Propheten gemacht. Und er hat ihm den Auftrag gegeben, die Worte, die er in Visionen über Israel gehört hat, weiterzusagen.

Hatten Sie schon mal Visionen?

Wer weiß! Dazu müsste man ja erst einmal wissen, was das ist.

Wie stellen Sie sich das vor, Visionen zu haben? Wahrscheinlich genau so, wie man es in Filmen oft dargestellt sieht. Da gerät jemand in Verzückung und hat plötzlich irgendwelche Erscheinungen.

Hatten Sie schon mal Visionen?

Wenn das Visionen sind, dann hatte ich noch keine. Erscheinungen kenne ich nicht. Ich weiß auch um kein Bekehrungserlebnis. Ich bin nie vom Pferd gefallen, weil mich der göttliche Blitz getroffen hätte. Und mir ist auch noch keine Jesusgestalt im lichtdurchwirkten Gewand erschienen.

Aber vielleicht sind die Visionen, von der die Bibel spricht auch gar keine solchen Megaereignisse. Wie war das denn damals, als Jesus die Menschen in seine Nachfolge rief? Der hat ja wohl keinen Heiligenschein getragen und vermutlich hat sein Gewand auch nicht geleuchtet und auf einer Wolke ist er ja auch nicht dahergeschwebt.

Wenn wir zu Zeiten eines Jesus von Nazareth gelebt hätten und uns da plötzlich einer gegenübergestanden wäre, mit seinem "Hopp, hinter mir her" - "Lass mich in Ruhe! Du Spinner!" hätten wir wahrscheinlich als aller erstes gesagt.

Ich glaube, dass die meisten Erscheinungen, die meisten Visionen, die meisten Berufungen absolut unspektakulär verlaufen. Das dürfte in aller Regel ganz normales, ereignisloses Erleben gewesen sein, so dass Sie alle vermutlich selbst schon so etwas erlebt haben könnten, ohne sich wirklich viel dabei zu denken.

Haben Sie schon einmal eine Kugel auf einem Tisch rollen sehen? So ganz langsam? Und gesehen, wie sie der Tischkante immer näher kommt. Und Sie sehen sie bereits fallen? Und das Kind, das mit dem Stuhl auf zwei Beinen schaukelt? Sehen Sie schon, wie es fällt?

Manches Vorhersehen rührt schon aus der Erfahrung her. Wer erfahren ist, im Umgang mit der Welt, der weiß, was geschehen wird, wenn Menschen dies oder jenes anstoßen, der sieht das! Wer erfahren ist im Umgang mit Gott und mit der Schrift, der weiß, dass unser Handeln Konsequenzen hat, und sieht welches Handeln in die Katastrophe hineinführen muss.

Dieser Amos aus Tekoa war Erfahren im Umgang mit Gott, und er kannte die Konsequenzen, die menschliches Handeln hat. Und er wusste plötzlich, dass er gehen musste, ins Nordreich, nach Israel.

Jetzt setze ich einfach einmal voraus, dass Sie wissen, wie das damals in Palästina aussah, dass Sie wissen, dass Israel zur damaligen Zeit ein geteiltes Land war. Israel war in den Tagen der Bibel nämlich nie ein wirklich geeintes Staatengebilde. Es war immer ein Konglomerat von einzelnen Stämmen, gleichsam kleinen Ländern, die mehr oder minder eng zusammen hingen. Und über die meiste Zeit hinweg bildeten sie zwei voneinander unabhängige und auch ganze ungleiche Staatengemeinschaften: das größere Nordreich, und das viel kleinere Südreich. Vereint waren beide nie.

David hatte es geschafft, sowohl König des Nordreiches als auch König des Südreiches zu werden. Er hat in Personalunion beide Staaten regiert. Verbunden waren sie nur durch die Gestalt des Herrschers. Und gehalten hat diese Union auch nur etwas mehr als ein halbes Jahrhundert. Es war absolut nicht verwunderlich, dass diese Verbindung schon nach Davids Sohn Salomo ganz schnell wieder auseinanderbrach. Nord- und Südreich drifteten sofort wieder auseinander: Sie hatten ihre eigenen heiligen Schriften und sie hatten beide ein eigenes Heiligtum. Und der Süden betrachtete den Norden immer als abtrünnig als Verräter am wahren Glauben.

Aber nicht wegen Glaubensfragen ist dieser Amos aus Tekoa aus dem Südreich aufgebrochen, um Gottes Stimme im Norden Gehör zu verschaffen. Seine Mission war von ganz anderer Art. Es ging nicht um Glauben, nicht um Religion und auch nicht um Gottesdienst. Es ging um den Menschendienst.

Die Menschlichkeit wurde mit Füßen getreten. Der wirtschaftliche Aufschwung hatte eine Ellenbogengesellschaft geschaffen, in der nur einige oben auf schwammen, die große Masse aber unter die Räder gekommen war. Das war die Mission des Amos, das hatte er als Gotteswille erkannt, das hatte er den Menschen zu berichten: Wo Menschen unter die Räder kommen, wo eine Gesellschaft nicht mehr auf den Schwachen Rücksicht nimmt, dort kann sie sich auf alles, nur nicht auf Gott berufen, da kann sie alles von sich behaupten, nur nicht gelobtes Land zu sein. Sie steht dann vielleicht überall, nur nicht auf dem Boden der Bibel. Sie ist dann weder ein biblisches Morgenland, noch ein christliches Abendland.

Und was für Amos die Zeit so drängend machte, war die Gewissheit: Wo Menschen unter die Räder kommen, wo eine Gesellschaft nicht mehr auf die Schwachen Rücksicht nimmt, dort ist ihr Ende nahe.

Damit beginnt das Amosbuch. Das ist das erste Gotteswort, das sich in diesem Buch findet, das hatte Amos den Menschen zu verkünden: Gott brüllt vom Zion! Gott brüllt wie ein Löwe, wie ein verwundetes Tier, wie eine Mutter, die sich nicht mehr anders zu helfen weiß, weil keines Ihrer Kinder mehr hören möchte. Gott brüllt wie eine Mutter, die voller Sorge zergeht, weil absehbar ist, dass es so nicht weitergehen wird.

Es war zwei Jahre vor dem Erdbeben, heißt es im Amosbuch. Das muss damals ganz wichtig gewesen sein. Zwei Jahre nachdem Amos aufgetreten war - und vor allem, nachdem er ohne Erfolg wieder ins Südreich zurückgekehrt war nach nur wenigen Monaten seines Wirkens -, zwei Jahre danach erschütterte ein mächtiges Erdbeben das Land, ein Beben, das einige Menschen wohl aufgerüttelt hat, das sie hat aufmerken lassen. Vielleicht hat dieses Beben den Anstoß gegeben, dass sich einige an die Worte des Amos erinnert haben. Vielleicht hat dieses Beben bewirkt, dass einige diese Worte dann anfingen zu sammeln und den nachfolgenden Generationen zu überliefern.

Denn im Nordreich haben sie nicht gefruchtet, im Nordreich ist die Botschaft des Propheten auf keinen fruchtbaren Boden gefallen. Es hat nach Amos keine vierzig Jahre gedauert, und das Nordreich ist in sich zusammengefallen, wurde überrannt von den Feinden, hatte keinen Bestand mehr und ist auf ewig vernichtet worden.

Die mahnenden und sorgenvollen Worte des Propheten aber sind aufgeschrieben worden, damit Menschen aufgerüttelt werden - Menschen zu allen Zeiten, weil Menschen immer wieder vor genau der gleichen Situation stehen. Wenn Sie mit uns zusammen in den kommenden Wochen durch die Kapitel des Amosbuches schauen, dann werden Sie so viele Parallelen entdecken, dass einem schon Angst und Bang werden kann.

Es sind die gleichen Verhaltensmuster in Politik und Gesellschaft, die der Prophet an den Pranger stellt, die gleichen Verhaltensmuster, die er als gottwidrig - weil unmenschlich - bezeichnet. Es sind die gleichen Verhaltensmuster, von denen Amos sagt, dass eine Gesellschaft, die sich in auf diesen Gleisen bewegt und das Ruder nicht ganz schnell wieder herumreißt, keinen Bestand haben wird.

Das können Sie der Bibel ganz ungeschminkt entnehmen: Es ist auch heute wieder fünf vor Zwölf, für unsere Welt, unsere Gesellschaft und auch unsere Kirche. Und es wird auch bei uns in den nächsten Jahren genügend Erdbeben geben, die uns aufmerken lassen müssen.

Für die Kirche von Freiburg wird das nächste Erdbeben schon 2015 kommen. Dieses Datum geistert ja seit geraumer Zeit durch alle Medien. Für 2015 etwa plus minus das ein oder andere Jahr, ist ja schon angekündigt, dass es in der Bruchsaler Kernstadt nur noch einen Pfarrer geben wird - einen für alle sechs Gemeinden.
Das wird für unsere Pfarreien ein gewaltiges Erdbeben sein. Und wenn bis dahin nicht ein mindestens genau so gewaltiges Umdenken einsetzt - bei den Verantwortlichen in den Kirchenleitungen aber nicht minder bei jedem und jeder einzelnen in den Gemeinden - wird von dem, was Sie gewohnt sind und was Ihnen doch so lieb geworden ist, über kurz oder lang nichts mehr übrig sein.

Amos macht uns eines ganz besonders klar: Gott ruft uns, jeden und jede einzelne. Und er tut es, weil er in ungeheurer Sorge ist, weil es nur gelingen kann, wenn sich viele, wirklich viele bewegen lassen. Er brüllt vom Zion her, damit die Menschen es hören!

Aber in diesem Bild steckt noch eine andere Botschaft, und die ist mir heute vielleicht die allerwichtigste. Sie wissen wo sich der Zion befindet: Der Berg Zion steht mitten in Jerusalem. Von dort brüllt Gott. Will sagen: Dort ist er, er ist dort. Er ist da, mitten in der Stadt, mitten unter den Menschen. Gott brüllt nicht vom Himmel, er brüllt vom Zion, weil er hier ist, weil er trotz allem mitten unter uns ist. Die Welt ist trotz allem nicht gottlos geworden.

Erinnern Sie sich daran, wie Prof. Gotthard Fuchs vor einigen Jahren bei uns den Gottesdienst eröffnet hat? "Die Welt ist Gottes so voll" - hat er gesagt. Gott ist mitten unter uns, weil ihm unendlich viel an uns Menschen liegt. Gott ist da, aber er ist voller Sorge und er ruft uns zu. Und es gibt nur eine Möglichkeit wirklich darauf zu reagieren, nur eine Reaktion, die uns hier, wenn wir diesen Ruf hören, überhaupt möglich sein kann: Hopp, hinter ihm her!

Und wenn Sie es nicht für sich selber tun möchten, dann tun Sie es wenigstens für Ihre Kinder und für deren Kinder, denn die werden die Welt erben, die wir ihnen hinterlassen.

Amen.

(Dr. Jörg Sieger, Pfarrer)

 
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